Letztes Update am Mi, 24.10.2018 06:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Viennale

Eva Sangiorgi: „Kino soll Zäune durchbrechen“

Morgen Abend beginnt die Viennale. Die TT hat mit der neuen Festivalleiterin Eva Sangiorgi über Netflix im Kino, Gender-Gerechtigkeit und den Abschied von altmodischen Ansichten gesprochen.

Eva Sangiorgi.

© www.picturedesk.comEva Sangiorgi.



Nach vielen Jahren in Lateinamerika gehen Sie morgen in Ihre erste Viennale. Wie war der Wechsel nach Wien?

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Eva Sangiorgi: Ich saß bis jetzt die meiste Zeit in einem Zimmer und habe Filme gesichtet. Die Stadt kenne ich noch nicht so gut, aber ich mag sie. Sie ist wie ihr Filmfestival: elegant, aber nicht prätentiös.

In Mexiko City haben Sie im Stadtteil Roma gelebt. Dort spielt auch Alfonso Cuaróns gleichnamiger Gewinnerfilm des diesjährigen Filmfestivals von Venedig, den Sie in Ihr erstes Programm geholt haben.

Sangiorgi: Wir werden den Goldenen Löwen zur Viennale bringen. Der mexikanische Produzent ist ein Freund von mir und als in Roma gedreht wurde, habe ich einiges mitbekommen. Der Film erzählt viel über die gespaltene Gesellschaft in Mexiko.

Der Film ist eine Netflix-Produktion und kommt nicht regulär ins Kino. Wie stehen Sie als Viennale-Direktorin zu dieser Debatte?

Sangiorgi: Das ist ein großes Problem: Sollen wir mit denen Geschäfte machen, die leere Kinos wollen wie Netflix? Ich war froh über die Haltung des Cannes Festivals heuer, und ich bin natürlich traurig, wenn ein Film kein Publikum im Kino findet. Das ist auch frustrierend für die Regisseure. Es wäre gut, wenn Netflix das respektiert.

Wo steht das Kino im Jahr 2018 inmitten dieser Veränderungen?

Sangiorgi: Es macht einen Unterschied, ob man einen Film bei einem Festival sieht oder am Tablet. Wir legen viel Wert auf die Qualität der Projektion, dieses Ritual ist wichtig. Die Streaminganbieter können da nicht mithalten. Wir sollten diese Sensibilität für Kinoerfahrung keinesfalls verlieren.

Mit programmatischen Neuerungen halten Sie sich in Ihrem ersten Jahr zurück.

Sangiorgi: Meine Filmauswahl ist anders. Mein Hintergrund ist ein anderer. Manche Regisseure, die schon früher bei der Viennale waren, haben vielleicht erwartet, wieder eingeladen zu werden. Aber ich habe die Filme nach meinen Kriterien ausgewählt. Was gleich geblieben ist, ist, dass kleinere Filme neben großen Namen stehen. Diese Tradition will ich fortsetzen: Wir müssen nicht um Weltpremieren buhlen, sondern können frei und ganz unabhängig entscheiden.

Die Trennung von Dokumentar- und Spielfilmen haben Sie aufgelöst. Warum?

Sangiorgi: Weil es altmodisch ist und keinen Sinn macht. Daran kann man sich gewöhnen. Diese Trennung interessiert mich nicht, auch weil sie unfair für manche Filmemacher ist, die die Möglichkeiten der Filmsprache erkunden, von realistischen Aufnahmen bis zu raffiniertem Erzählen. Sie lassen sich nicht einfach als Doku oder Fikiton definieren, alles ist irgendwo dazwischen und ein Kunstprodukt.

Ein Beispiel dafür wäre der Berlinale-Gewinner „Touch Me Not“, der auch in Wien gezeigt wird.

Sangiorgi: Genau. Aber da kommt auch noch etwas Meta-Narratives dazu mit der Regisseurin, die sich selbst in den Film einbringt. Eine Art Spiegel in Verbindung mit dem Thema „Sehen und gesehen werden“. Auch Jean-Luc Godards jüngstes Film-Essay „Livre d’Image“ folgt solchen Fragen: Ist das eine Dokumentation? Oder Fiktion? Kino sollte diese Zäune einfach durchbrechen.

Wo steht die Viennale im internationalen Kontext?

Sangiorgi: Ich mag Festivals, die das Spiel der Premieren nicht mitspielen. Die Viennale kann sich diesen Luxus leisten. Dadurch werden die programmatischen Überlegungen wichtiger. Ich will Perspektiven auf Film und Kino öffnen, über Filmsprache nachdenken. Der gute Ruf der Viennale gründet nicht zuletzt darauf, dass sie keine Kompromisse macht.

Der Anteil an Regisseurinnen im heurigen Programm ist gering.

Sangiorgi: Das ist ein großes Thema. Ich werde die Zahlen nicht beschönigen, das wäre wirklich unfair. Es gibt weniger Frauen hinter der Kamera, weil weniger Frauen Regie studieren und deswegen natürlich auch weniger Filme von Regisseurinnen. Aber wir haben Filme von Frauen, allen voran den Eröffnungsfilm.

Auch der Leiter des Festivals von Venedig, Alberto Barbera, hat seine männerlastige Filmauswahl mit dem fehlenden Angebot begründet.

Sangiorgi: Barbera hat seinen Standpunkt sehr scharf und etwas unglücklich ausgedrückt. Aber in der Sache hat er Recht: Das Problem beginnt ganz woanders, in der Ausbildung. Natürlich hoffe ich immer auf Regisseurinnen, aber ich werde keinen Film auswählen, weil er von einer Frau gemacht wurde. Das wäre sehr traurig und riskant, da spiele ich nicht mit.

Sie haben den Eröffnungsfilm erwähnt: „Lazzaro Felice“ von Alice Rohrwacher.

Sangiorgi: Alice Rohrwacher ist ja auch eine junge Regisseurin, das ist ihr dritter Film. Ein schöner Film und sehr speziell auch für Italien. Ich bin sehr froh, dass wir mit „Lazzaro Felice“ eröffnen können – ein gutes Zeichen. Außerdem kommt mit Claire Denis auch noch eine meiner Lieblingsregisseurinnen nach Wien.

Eine Festivaldirektorin muss alle ausgewählten Filme lieben. Aber Sie haben sowohl Überraschungen als auch Kontinuität versprochen.

Sangiorgi: Mein Team weiß natürlich genau, wer bisher noch nie bei der Viennale eingeladen war. Aber manche Regisseure kommen auch wieder, wie zum Beispiel Olivier Assayas oder Alex Ross Perry, die dem Festival sehr verbunden sind. Und wir haben auch Überraschungen im Programm: Etwa „La Flor“, das 14-stündige argentinische Epos, ist ein großartiger Genre-Film.

Die Viennale versteht sich auch als Publikumsfestival. Macht man sich darüber Gedanken?

Sangiorgi: Für mich wird das heuer natürlich ganz anders als bei meinen bisherigen Viennale-Besuchen. Ich hoffe, dass wir das Vertrauen des Publikums beibehalten können.

Das Gespräch führte Marian Wilhelm

Zur Person

Die Italienerin Eva Sangiorgi, geb. 1978, gründete 2010 das mexikanische Filmfestival Ficunam und leitete es bis 2018. Anfang 2018 wurde sie als Nachfolgerin des langjährigen Festivaldirektors Hans Hurch, der im Juni 2017 überraschend starb, als Künstlerische Leiterin der Viennale bestellt.