Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.10.2018


Film und TV

Showdown nach der Scheidung

Xavier Legrands in Venedig ausgezeichnetes Regiedebüt „Jusqu’à la garde – Nach dem Urteil“ spielt mit der Erwartungshaltung des Publikums.

Léa Drucker beeindruckt in „Jusqu’à la garde – Nach dem Urteil“ als verzweifelt­e Mutter im Sorgerechtsstreit.

© FilmladenLéa Drucker beeindruckt in „Jusqu’à la garde – Nach dem Urteil“ als verzweifelt­e Mutter im Sorgerechtsstreit.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Szenen einer Ehe“ heißt ein bitter-süßer Beziehungsepisodenfilm Ing­mar Bergmans. Darin mündet ein nüchternes Gespräch über die Scheidung in körperliche Gewalt. Den französischen Thriller „Jusqu’à la garde – Nach dem Urteil“ beschäftigt nur eine Szene einer Ehe. Jene, nachdem sie vorbei ist. Der Film beginnt mit einer ausführlichen Sorgerechtsanhörung. Die Richterin legt Besuchsrechte für den Vater fest. Dieser, Antoine, will vor allem Nähe zu seinem 11-jährigen Sohn (Thomas Gioria). Er sucht über ihn auch Kontakt zu seiner Ex-Frau Miria­m. Die blockt jedoch alles ab und versucht sich und ihre Kinder zu schützen.

Der Kurzfilm-Oscar-nominierte Regisseur Xavier Legrand lässt in seinem Spielfilmdebüt lange offen, welcher der beiden Elternteile nun zur Gefahr werden könnte – und er lässt den Zuschauer immer wieder ins Leere laufen. Fast unmerklich vollzieht sich ein fließender Übergang zwischen moralischem Sozial­realismus-Drama und aufgeladenem Psychothriller. Dass dieses ungewöhnliche Unter­fangen gelingt, liegt nicht zuletzt an den beiden großartigen Schauspielern Léa Drucker und Denis Ménochet, die auch gegen die Vermutungen der Zuschaue­r anspielen. Spät wird klar, wer hier wem etwas vorspielt. Doch dann kommt es zur gefährlichen Eskalation. Die extreme Anspannung im Showdown lässt den Film dann fast im Genre-Kino enden.

Eine Scheidung mit Sorgerechtsstreit ist auch im echten Leben allzu oft ein brutales Drama. Als beklemmender Kino­thriller ist „Jusqu’à la gard­e – Nach dem Urteil“ eine ungewöhnliche, aber intensive Mischung. Konsequenterweise gewann der Theaterschauspieler Xavier Legrand mit seinem ersten Spielfilm den Silbernen Löwen für die beste Regie beim letztjährigen Filmfestival von Venedig.