Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.11.2018


Film

“Aufbruch zum Mond“: Seefahrer im staubigen Ozean

Damien Chazelle erzählt in „First Man – Aufbruch zum Mond“ vom technischen und technologischen Triumph der Raumfahrt und verzichtet auf patriotische Gesten.

© UPIÜbungen für den Ernstfall: Ryan Gosling als Neil Armstrong, der ständig auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod balancierte.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Anfang der 1960er-Jahre war eine große Mehrheit der US-Amerikaner strikt dagegen, noch einen Dollar in ein Raumfahrtprogramm zu investieren, das im Wettlauf mit der Sowjetunion nur Demütigungen präsentieren konnte. Aber nach dem Schweinebucht-Fiasko und der Eskalation des Kalten Krieges hatte John F. Kennedy 1962 die richtige Metapher gefunden, seine Mitbürger für das große Ziel zu begeistern. Er erinnerte daran, wie die ersten Schiffe den Kontinent erreichten, bei dessen Eroberung weder Mühen noch Schmerzen gescheut wurden. Der Weltraum, sagte Kennedy, „ist der neue Ozean, den die Vereinigten Staaten befahren müssen“, die „New Frontier“, die überwunden werden soll. Vor dem Ende des Jahrzehnts würde ein Amerikaner den Mond betreten.

Als am 20. Juli 1969 mit Neil Armstrong tatsächlich der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte und eine andere große Jahrhundertmetapher („Ein kleiner Schritt für den Menschen, ein großer für die Menschheit“) versemmelte, war Richard Nixon Präsident. Damien Chazelle ignoriert in „First Man – Aufbruch zum Mond“ den Machtwechsel. Am Ende seines faszinierenden Weltraumabenteuers lässt er auf Kennedys Grab eine Botschaft deponieren: „The Eagle (die Mondfähre) ist gelandet.“ Ein farbiger Mann aber will wissen, wie das sein kann, dass seine Familie über kein fließendes Wasser verfügt, seine Tochter in der Nacht von Ratten gebissen wird, während „der weiße Mann auf dem Mond die Aussicht genießt“. Es sind Bilder einer gespaltenen Nation.

Es ist die Schönheit des Alls, die den Testpiloten Neil Armstrong (Ryan Gosling) auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod immer wieder dazu verführt, Material und eigene Sicherheit zu gefährden. Es ist eine Frage des Trainings, bei vielfacher Schallgeschwindigkeit, wenn die Metallnieten durch das Cockpit mit bellenden Geräuschen zu springen drohen, die Höhen- und Geschwindigkeitsanzeigen dröhnende Tänze aufführen, den richtigen Knopf für die Rettung zu finden. Wie Chazelle und sein Kameramann Linus Sandgren (sie arbeiteten bereits für „La La Land“ zusammen) diese Flugaufnahmen mit einem dröhnenden Sounddesign inszenieren, lassen auch im sicheren Kinoparkett die Alarmlampe leuchten.

Nach dem Tod ihrer zweijährigen Tochter Karen denken Armstrong und seine Frau Janet (Claire Foy) an einen Neuanfang, übersiedeln von Kalifornien nach Houston, Texas, wo die NASA mit beinahe unbegrenzten Mitteln das neue Eldorado für Physiker, Mathematiker und Todesmutige jeder Art errichtet. Man ist nicht gerade miteinander befreundet, doch in dieser Gemeinschaft aus Exzentrikern ist Armstrong der größte Außenseiter, der seine privaten und beruflichen Erfahrungen mit dem Tod tief in sich verschlossen hat. Es sind schließlich Todesfälle, die Armstrong in die Position des Kommandanten der Apollo 11, der ersten Mondmission, katapultieren.

Damien Chazelle erzählt den technischen und menschlichen Triumph einer neuen Generation von „Seefahrern“ nicht als patriotische Heldensaga, sondern als Tragödie einsamer Männer, die sich nicht nur 350.916 Kilometer von der Erde, sondern auch von allen Sterblichen und damit von der Menschheit entfernt haben. Chazelle verzichtet sogar darauf, das Aufstellen des Sternenbanners zu inszenieren, ein Sakrileg für jeden US-Fahnenpatrioten. Zuletzt stehen Neil Armstrong und Buzz Aldrin (Corey Stoll), der zweite Mann, wie Figuren aus einem Stück von Samuel Beckett auf dem Mond in der staubigen Mondlandschaft und geben sich der Absurdität ihres Ausfluges hin. Das ist für einen Blockbusterfilm ziemlich mutig.


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