Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 10.11.2018


Kino

„Touch Me Not“: Selbstfindungtripp in sexualisierten Welten

In ihrem bei der Berlinale preisgekrönten Film „Touch Me Not“ erforscht Adina Pintilie Intimität und Grenzbereiche des Kinos.

© PolyfilmAdina Pintilies dokumentarischer Spielfilm „Touch Me Not“ wurde Anfang des Jahres in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.



Innsbruck – Adina Pintilie leitet das Bucharest International Experimental Film Festival. Ihr eigener Debütfilm „Touch Me Not“ wäre dort wohl perfekt aufgehoben, forciert ihr Festival doch ein „Kino der totalen kreativen Freiheit und Kompromisslosigkeit, das alle etwaigen Grenzen zwischen Fiktion, Dokumentation und visueller Kunst überwindet.“ Kino, das diesen Anspruch erhebt, ist immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Kino selbst.

Daher setzt sich Pintilie zu Beginn ihres zweistündigen Films mittels Spiegel selbst ins Bild: „Warum hast du mich nie gefragt, worum es in diesem Film geht? Und warum habe ich es dir nie gesagt?”, fragt sie ein unsichtbares Gegenüber – oder eben das Publikum. Die Selbstentblößung ist dabei kein metafiktionales Mätzchen, sondern eine Klarstellung: „Touch Me Not“ ist ein Selbstfindungstripp.

Eine strukturierte Handlung gibt es nicht: Pintilie schickt zwei Hauptfiguren auf eine englischsprachige Reise in eine deutsche Stadt: Laura (Laura Benson) und Tómas (Tómas Lemarquis) erforschen ihr Verhältnis zu Körper und Intimität. Die neugierig-gehemmte Laura trifft etwa den Sexualtherapeuten Seani Love oder die Transgender-Sexworkerin Hanna Hofmann. Der introvertierte Tómas begegnet in einer Selbsterfahrungsgruppe dem sex-positiven Aktivisten Christian Bayerlein, der an spinaler Muskelatrophie erkrankt ist. Die beiden Erzählstränge berühren sich bis zum Finale in einem SM-Club immer mehr. Nacktheit und die Rede über Sexualität ist dabei allgegenwärtig. Doch um Provokation oder Tabubruch geht es Pintilie nicht. Um sinnliche Aufladung oder Erzählkonzepte wie Spannung und Überraschung aber auch nicht. Eindeutig beantworten lässt sich die nie gestellte Eingangsfrage also nicht.

Bei der Berlinale, wo „Touch Me Not“ seine Premiere feierte, wurde er als „Hybridfilm“ geführt. Bei der Viennale galt er zuletzt als Musterbeispiel für die von Direktorin Eva Sangiorgi vorangetriebene Vermischung von dokumentarischem und fiktionalem Film. „Die Fiktion“, erklärt Adina Pintilie, „ist eine Schutzbehauptung gegen zu viel Realität beim Drehen.“

Umgekehrt gilt das Dokumentarische auch als Rechtfertigung: Denn was die Regisseurin hier an fragmentarischen Erfahrungsmomenten zusammenbaut, würde man einem Spielfilm so nicht durchgehen lassen. Für die Darsteller ist „Touch Me Not“ ein Wagnis. Für die Zuseher auch. Manches Wagnis aber wird belohnt: Bei der Berlinale gewann „Touch Me Not“ den Goldenen Bären. (maw)