Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 14.11.2018


Film und TV

„Leto“: Die Hoffnung eines Sommers

Der zeithistorische Hintergrund von Serebrennikovs nicht unnostaglischem Musikfilm bekommt umso größere Dringlichkeit, wenn man die gegenwärtige Situation des Filmemachers mitdenkt

Teo Yoo als Viktor Tsoi in Kirill Serebrennikovs „Leto“.

© FilmladenTeo Yoo als Viktor Tsoi in Kirill Serebrennikovs „Leto“.



Innsbruck – In „Leto“ porträtiert Regisseur Kirill Sere­brennikov das einstige Leningrad der frühen 1980er-Jahre. Zwischen Sowjet-Strenge und noch nicht vollzogener Glasnost-Wende entwickelte sich eine aufmüpfige Musikszene, die alles nachholen wollte, was der Eiserne Vorhang über Jahre fernhielt.

Der zeithistorische Hintergrund von Serebrennikovs nicht unnostaglischem Musikfilm bekommt umso größere Dringlichkeit, wenn man die gegenwärtige Situation des Filmemachers mitdenkt: Kirill Serebrennikov, einer der renommiertesten russischen Film- und vor allem Theatermacher, steht seit Mai 2017 unter Hausarrest – und muss sich dieser Tage vor einem Moskauer Gericht wegen Veruntreuung verantworten. Präsident Putin, da sind sich Beobachter einig, will an einem Unbequemen ein Exempel statuieren. Die beginnende Öffnung der 80er-Jahre in Bezug auf die Kunst spiegelt sich also gewissermaßen im Autoritarismus der Gegenwart.

„Leto“ ist eine Hommage an Viktor Tsoi (Teo Yoo), der als „russischer Kurt Cobain“ 1990 mit 28 Jahren bei einem Autounfall verunglückt. Der Film endet mit dem Gründungskonzert von Tsois Band Kino – und stellt Tsoi und dessen älteren Mentor Mike Naumenko (Roman Bilyk) ins Zentrum. Der hat im Film durchaus Ähnlichkeiten mit Mick Jagger und ist das Herz einer Gruppe von Musikern, die sich um den von den Obrigkeiten als Spielwiese kontrollierten sow­jetischen Jugend-Rock-Club gruppiert. Auf dessen Memoiren basiert „Leto“. Zwischen den zwei Musikern steht Natalia Naumenko (Irina Starshenbaum): Ehefrau des einen, Ersatz-Mutter des anderen – und bald auch doppelte Liebhaberin. Ebenso spielerisch-leicht wie diese einvernehmliche Zweigleisigkeit erzählt Kirill Serebrennikov auch vom entspannten Aufbruch in eine vermeintlich bessere Zukunft – und untermalt die wachsende Hoffnung in neue Möglichkeiten mit energetischem Rock. (maw)


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