Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 23.11.2018


Film und TV

“Styx“: Die Ohnmacht einer Einzelnen

Ein Kammerspiel auf offener See: In Wolfgang Fischers „Styx“ trifft eine Freizeitseglerin auf ein havariertes Flüchtlingsboot. Von der Tirolerin Monika Willi stammt der Schnitt des vielfach ausgezeichneten Films.

Susanne Wolff glänzt in der Rolle von Soloseglerin Rike, die auf hoher See an ihre Grenzen stößt.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: Filmladen</span>

© Susanne Wolff glänzt in der Rolle von Soloseglerin Rike, die auf hoher See an ihre Grenzen stößt.Foto: Filmladen



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Über einen fiktiven Fluss zu einer echten Insel, Charles Darwins Paradies. Mit dem bedeutsamen Titel und dem Verweis auf das Ziel dieser filmischen Reise lässt es Regisseur Wolfgang Fischer aber auch schon wieder gut sein mit der Symbolik. Der Film selbst ist eine ausgesprochen konkrete Geschichte ohne erhobenen Zeigefinger.

Notärztin Rike bricht ganz alleine zu einem Segeltrip auf. Im Prolog sehen wir sie noch, wie sie die Kontrolle über Leben und Tod nach einem Verkehrsunfall behält, dann beginnt ihre Reise in Gibraltar. Oben die Affen auf dem Felsen, unten die Ärztin außer Dienst beim Einschiffen. Die großartige Susanne Wolff erinnert dabei auf ihrer Segelyacht an eine junge Version von Robert Redford in „All Is Lost“. Wolff ist „Blauwasserseglerin mit internationalem Segelschein“ und gibt der Figur eine stoische Härte, ebenso wie eine feine Menschlichkeit.

Die Sequenzen mit ihr alleine auf dem Schiff geben dem Film zeitweise ein fast meditatives, dann wieder ein ungemein körperliches Gefühl. Die ersten Dialoge über Funk brechen über einen herein wie der Sturm, der Rike kurz da­rauf auf die Probe stellt. Doch die Naturgewalt ist nicht die größte Herausforderung. Es ist ein völlig überladenes, antriebsloses Flüchtlingsboot, das am Horizont auftaucht. Mit hippokratischem Instinkt und dem kühlen Kopf einer Notärztin versucht Rike, die Situation zu meistern und Hilfe zu organisieren – und durchläuft dabei auch eine innere Katharsis.

Das Mittelmeer ist ein unsichtbarer Massenfriedhof. So viel wurde uns allen in den letzten Jahren klar. Als Wolfgang Fischer sein zweites Spielfilmprojekt vor etlichen Jahren begann, konnte er bestenfalls ahnen, wie aktuell seine Geschichte 2018 werden würde. Ursprünglich mit zwei Segler-Figuren geplant, reduzierte er das Projekt mit Co-Autorin Ika Künzel auf die Konfrontation einer Protagonistin mit einem jungen Flüchtling (Gedion Oduor Wekesa). Er wurde in Nairobi gecastet, aus Workshops der One Fine Day Initiative von Filmemacher Tom Tykwer.

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Der Minimalismus des Films, konsequent in 94 Filmminuten nach vorne erzählt, ist ein Wagnis. Kein Gramm Fett im Drehbuch oder in der Ausstattung bleiben übrig, um etwas zu kaschieren. Einen Rhythmus gegeben hat den teilweise bewusst langen Einstellungen die Schnittmeisterin Monika Willi, die mit Michael Haneke und Barbara Albert arbeitet und zuletzt „Untitled“, das filmische Testament von Michael Glawogger, gestaltete.

Die Bilder von Kameramann Benedict Neuenfels entsprechen dem Innenleben der Protagonistin. Unterwegs ins Paradies, das sie in Form eines Bildbandes schon mit dabei hat, stellt sie sich ohne zu zögern dem moralischen Dilemma. Sie kann dem Flüchtlingsboot nicht alleine helfen. Ihre Rufe nach weiteren Helfern verhallen im Nichts. Auf größeren Schiffen, die tatsächlich retten könnten, zieht man es vor wegzusehen. Rike ringt mit sich – weil sie um ihre Ohnmacht als Einzelne weiß.

„Styx“ überzeugt als Film vor allem durch sein konkrete dramatische Umsetzung dieses Konflikts ohne überflüssige Dialoge und mit einem guten Gefühl für die Figur. Fischer macht nicht den Fehler, innerhalb seines Spielfilms zu moralisieren. Auf einem Boot mitten im Mittelmeer stellt sich die Frage nach „Festung Europa“ und „Mittelmeerroute“ ganz praktisch. Von dieser menschlichen Unmittelbarkeit erzählt „Styx“.


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