Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 25.11.2018


Doku

„Welcome to Sodom“: Die Welt der Überlebenskünstler

In „Welcome to Sodom“ zeigen zwei Doku-Filmer das Leben auf einer riesigen, giftig qualmenden Müllhalde in Ghana.

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Von Marian Wilhelm

Innsbruck, Wien – In fünf Wiener Kinos ist kommende Woche die Welt zu Gast beim „This Human World“-Festival. Menschenrechte und die globalen Beziehungen einer schiefen Weltordnung ziehen sich durch über 100 Filme. Menschlichkeit und eine menschliche Politik sind Thema, wie ihr Versagen.

Einer der Festivalfilme, die das bildgewaltig auf die Leinwand bringen, ist auch österreichweit im Kino: „Welcome to Sodom“ von Florian Weigensamer und Christian Krönes. Sie sind an einen Ort gereist, der in keinem Reiseführer verzeichnet ist: Agbogbloshie ist ein Slum mitten in Accra, der Hauptstadt Ghanas.

Dort befindet sich auf verseuchtem Sumpfland die größte Elektroschrott-Müllhalde der Welt. 6000 Menschen sollen hier leben und arbeiten. Auch wenn umstritten ist, wie viel des Elektroschrotts aus dem Westen stammt, eines ist klar: Hier endet der Lebenszyklus unserer Handys und Computer, so wie er in Fabriken in Asien begann, unter katastrophalen Bedingungen für die Menschen.

Der Spitzname „Sodom“ für diesen Ort ist ironisch. Er wirft die Frage nach Schuld und Bestrafung für sündiges Verhalten auf. Die Doku von Florian Weigensamer und Christian Krönes tut das zunächst nicht. Die Filmemacher haben sich drei Monate lang in Sodom aufgehalten und dem giftigem Rauch ausgesetzt, mit dem ihre Protagonisten ein Leben lang existieren.

Die Bilder wirken stellenweise seltsam artifiziel­l und scheuen nicht den Schauwert dieser apokalyptischen Szenerie. Darin sind sie den Dokus von Michael Glawogger wie „Workingman’s Death“ verwandt. Ein zusätzliches Stilmittel sind vorgelesene Monologe, die über die dokumentarischen Bilder gelegt sind.

Wirklich nahe kommt man den Protagonisten in diesen visuell spannenden Skizzen damit leider nicht, dazu sind die Geschichten von Mohammed Abubakar, Awal Mohammed oder Kwasi Yefter zu abstrakt. Einer ist Mediziner, der als Homosexueller geoutet und hierher vertrieben wurde. Ein junges Mädchen gibt sich als Bub aus, weil sie so mehr verdient. Und eine Gruppe Männer versucht sich als Rapper.

Zwischen Leben und Überleben dieser Recycling-Kleinstunternehmer zeigen sich wichtige Spuren der globalen Zusammenhänge. Etwa wenn auf alten Smartphones Urlaubsbilder ihrer ehemaligen weißen Besitzer angeschaut werden und die Sehnsucht nach einem besseren Leben fernab des giftigen Elends von Sodom wachrufen. Hier liegen die wirtschaftlichen Fluchtursachen, für deren Bekämpfung die Wirtschaftsminister der Welt zuständig wären.

Das Festival „This Huma­n World“ zeigt nicht nur Zustandsbeschreibungen und Anklagen. Auch ein nächster Schritt, politische Revolution, ist Thema. So etwa im Eröffnungsfilm „Amal“, der sechs Jahre lang ein als Junge verkleidetes Mädchen im Arabischen Frühling begleitete. Oder „The Distant Barking of Dogs“, der den 10-jährigen Oleg und seine Großmutter in der umkämpften Ost­ukraine begleitet.