Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 29.11.2018


Kino

“Alles ist gut“: Grenzen des Aufbegehrens

Der Film zur MeToo-Debatte und darüber hinaus: Regisseurin Eva Trobisch erzählt in ihrem Kinodebüt „Alles ist gut“ die Geschichte einer Vergewaltigung.

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© Polyfilm



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Alles ist gut“ klingt wie das Happy End einer Geschichte. In der brandaktuellen Filmerzählung von Eva Trobisch ist es der Ausgangspunkt. Der Film erzählt, fast gegen den Willen seiner Hauptfigur, weiter und öffnet sich damit interessanten Fragen. Janne (grandios: Burgschauspielerin Aenne Schwarz) ist eine selbstbewusste, moderne Frau. Keine Karikatur einer Karriere-Powerfrau, sondern eine realistische Figur mit einem Leben. Zusammen mit ihrem Freund Piet (Andreas Döhler) ist sie gerade dabei, ein wirtschaftlich erfolgloses Verlagsgeschäft aufzulösen und gemeinsam ein Haus zu renovieren. Als ihr ein Job bei einem Verlag angeboten wird, scheint wirklich alles gut zu sein. Doch auf einem feucht-fröhlichen Klassentreffen passiert das, was so vielen Frauen jeden Tag passiert: ein Mann überschreitet Grenzen, er drängt sich auf, ignoriert Hinweise und ein klares Nein und am Ende vergewaltigt er Janne.

Der Film setzt diese längere Sequenz ebenso unspektakulär wie eindeutig um, ohne reißerische Bilder der Gewalttat. Später beschreibt Janne den Vorfall selbst überaus nonchalant: „Es war ein Typ auf dem Klassentreffen. Der wollte irgendwie und ich halt nicht.“

Janne wacht mit einem blauen Auge auf, duscht und will den Abend einfach hinter sich lassen. Sie erzählt weder ihrem Freund noch sonst jemandem davon. Doch dann wird ihr der Vergewaltiger in ihrem neuen Job als externer Firmenberater und obendrein als Schwager ihres Chefs vorgestellt. Er heißt Martin (Hans Löw) und ist sich durchaus seiner Schuld bewusst, doch Janne will nichts davon wissen: „Es tut mir leid. Du bist ja süß. Kannst mir ja mal eine Tafel Schokolade vorbeibringen.“

„Alles ist gut“ ist der Film schlechthin zur MeToo-Debatte. Zugleich weiß Regisseurin Eva Trobisch um ihre Position als Geschichtenerzählerin und Spielfilmregisseurin. Mit einer für ein Debüt erstaunlichen Souveränität in der Schauspielführung und mit lakonisch-feinem Ton bewegt sie sich ganz nahe an ihrer Hauptfigur Janne: „Sie gehört zu den Frauen, für die es außer Frage steht, alles können und erreichen zu dürfen, alles wollen zu sollen. Sie empfinden sich in keiner Weise unterdrückt.“ Das korrespondiert mit der These der „potenten Frau“, wie sie etwa die Philosophin Svenja Flaßpöhler als Gegenbild zum Opferstatus propagiert.

Der Film zeigt als psychologische Geschichte aber auch die persönlichen Grenzen dieser rationalen politischen Forderung nach Aufbegehren und Selbstermächtigung auf. „Das Stereotyp eines solchen Opfers, gegen das ja erfreulicherweise nun schon seit einiger Zeit angekämpft wird, ist nun einmal die hilflose, gedemütigte und nachhaltig traumatisierte Frau. Das alles will sie diesen eineinhalb Minuten schlechtem Sex gar nicht zugestehen. Ihre Figur ist mehr als ihr Problem. Es ist ja kein Themenfilm.“

Damit geht Trobisch weit über einfache Drehbuch-Thesen und filmische Moralpädagogik hinaus. Sie erzählt weiter, als der einfache Teil vorbei ist, und hört auf, bevor sich eine einfache Auflösung ausbreiten kann. Diese Geschichte einer Vergewaltigung ist ebenso wenig einfach, wie sie moralisch kompliziert ist. Doch Trobisch nimmt ihre moralische Haltung eben gerade nicht als Kern ihrer Geschichte. Das macht „Alles ist gut“ zu einem spannenden Spielfilm mit Haltung.