Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 02.12.2018


Kino

„Leave No Trace“: Die Flucht vor den Menschen in die Natur

Der vielleicht spannendste Film des Jahres: Debra Graniks Aussteiger-Drama „Leave No Trace“ mit Ben Foster.

Tom (Thomasin McKenzie) und ihr Vater Will (Ben Foster) sind aus der Zivilisation ausgestiegen – bis Sozialarbeiter auftauchen.

© Sony PicturesTom (Thomasin McKenzie) und ihr Vater Will (Ben Foster) sind aus der Zivilisation ausgestiegen – bis Sozialarbeiter auftauchen.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Außenseiter gibt es im Kino viele. Selten gehen sie jedoch so zärtlich miteinander um wie in „Leave No Trace“. Tom ist ein 13-jähriges Mädchen, dem wir in den ersten Einstellungen des Films in der Wildnis eines Waldes begegnen. Zusammen mit ihrem Vater Will macht sie Feuer und spielt Schach. Was kurz wie ein Camping-Trip aussieht, entpuppt sich bald als jahrelang eingeübter Alltag. Will ist Ex-Soldat mit posttraumatischer Belastungsstörung. Als alleinerziehender Vater hat er sich mit Tom in die Wildnis zurückgezogen. Eine Flucht vor der Zivilisation, die zugleich eine melancholische Reminiszenz an den Amerika-Topos der Freiheit in der Natur ist. Nur gelegentlich wagen sie sich ins nahe gelegene Portland, um Proviant zu holen, den Will mit seinen verschriebenen Medikamenten bezahlt. Die Szenen zwischen Vater und Tochter sind ebenso idyllisch wie realistisch und von einer Sinnlichkeit gegenüber der Natur geprägt.

Doch als die beiden von Park-Rangers entdeckt werden, ist das harte, paradiesische Leben vorbei. Die Verantwortlichen des Sozialdienstes quartieren Vater und Tochter in einer christlichen Weihnachtsbaum-Farm ein. Will wird mit dem Leben unter Menschen nicht fertig. Er kann sich nicht mehr anpassen. Tom dagegen entdeckt ein­e Welt, an die sie nicht gewöhnt ist. Die Neugier des Teenagers ist erwacht.

„Leave No Trace“ basiert zwar auf dem Roman „My Abandonment“ (2009) von Peter Rock, der aus der Sicht der Tochter erzählt ist. Der ist jedoch inspiriert von einer wahren Geschichte, die Rock in der Tageszeitung Portland Oregonian entdeckte. Regisseurin Debra Granik bewahrt diese realistischen Wurzeln in ihrem Film und findet einen lyrisch-intensiven Stil. Diese Intensität zwischen den Figuren zeigte sie bereits im vielfach prämierten „Winter’s Bone“, der einer gewissen Jennifer Lawrence 2010 zum Durchbruch verhalf.

Ihr dritter Film nach ihrem Debüt, dem Familiendrama „Down to the Bone“ (2004), ist nun reduzierter und weniger dunkel. Die filmische Narration der Familienbeziehungen ist erneut überaus gefühlvoll und stark.

Gerade wenn Vater und Tochter in der Gemeinschaft leben, erinnert „Leave No Trace“ auch an „Beasts of the Southern Wild“ von Benh Zeitlin, jedoch realistischer und als Drama weniger verspielt. Die Szenen in der Natur lassen Erinnerungen an Tarkovskis Kamerafahrten in „Stalker“ wach werden. Granik hat gemeinsam mit ihrem großartigen Hauptdarsteller Ben Foster den Dialog reduziert und vertraut den ruhigen Bildern ihres Kameramanns Michael McDonough. Der wunderbar-starken Thomasin McKenzie könnte eine ähnlich erfolgreiche Zukunft beschieden sein wie Jennifer Lawrence. Gemeinsam mit ihrem Filmvater wurde sie in Survival-Skills trainiert. Ben Foster hatte bisher schon einige Soldaten gespielt, zuletzt mimte er einen kleinkriminellen Bruder in „Hell or High Water“. Die beiden Figuren sind nicht nur glaubwürdig, sondern auch ein faszinierendes Eltern-Kind-Gespann.

Das amerikanische Independentkino wird in der europäischen Kinowelt immer noch unter Wert gehandelt. Dabei könnten gerade heimische Filmemacher hier das ernsthaft­e Geschichtenerzählen mit glaubhaften Figuren lernen. „Leave No Trace“ ist jedenfalls einer der spannendsten Kino­filme des Jahres.