Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 04.12.2018


Film und TV

Eine gespensterhafte Ära

Marc Bruggers Filmdokumentation „MK – Wohnzimmer einer Generation” erzählt vom Kirchenskandal des Jahres 1973 und hat das Zeug zu einem lokalen Blockbuster.

Der inzwischen 90-jährige Sigmund Kripp leitete von 1959 bis 1973 das Jugendzentrum im Kennedy-Haus

© WildrufDer inzwischen 90-jährige Sigmund Kripp leitete von 1959 bis 1973 das Jugendzentrum im Kennedy-Haus



Innsbruck – In den 1960er- Jahren wurden die Türen zu den Kinosälen noch von Polizisten bewacht, um die Jugend vor Erwachsenenfilmen zu schützen, was natürlich zu Dramen führte, wenn die Karte bereits abgerissen und das Taschengeld verloren war. Nur im Jugendzentrum MK durften schon 14-Jährige Filme wie Fellinis „Achteinhalb“ oder Bergmans „Das Schweigen“ sehen, wenn sie sich anschließend an einer Diskussion beteiligten und ihre Reife etwa im Erkennen von Symbolen bewiesen.

In seinen Radiopredigten warnte Bischof Paulus Rusch vor den Gefahren der „Selbstbefleckung“ oder gar des „geschlechtlichen Umgangs“. Es waren Predigten, die Comedians in der MK zu bejubelten Kostproben ihrer Imitationskunst inspirierten. Aber das war nicht lustig. Im Duschraum neben dem Turnsaal fehlten Vorhänge, sodass Nacktheit als normal erscheinen konnte. Die Entdeckung eines weiblichen Aktes in einem Maleratelier durch Vertraute des Bischofs führte nach ersten Schikanen 1973 zur Entlassung von Pater Sigmund Kripp als Leiter des Jugendzentrums im Kennedy-Haus durch den Jesuitenorden. 6000 Unterzeichner inserierten in der Tiroler Tageszeitung eine Solidaritätserklärung für Kripp – umsonst. Der klerikale Kampf um die letzten Schützengräben reaktionärer Tugendwächter erregte das Interesse internationaler Medien. Die Provinzposse wurde zum Skandal.

Marc Brugger, seit 20 Jahren als Regieassistent und Location Manager auch bei internationalen Produktionen („Bridget Jones“) im Filmgeschäft tätig, hat über diese gespensterhafte Ära in Innsbruck den Dokumentarfilm „MK – Wohnzimmer einer Generation” gedreht. Als ehemaliger MKler und Sohn von MK-Eltern befragt er mit zurückhaltender Neugier Alt-MKler und -MKlerinnen, die ihre Sozialisation in den 60er-Jahren in diesem Jugendzentrum erfahren haben.

Die Konflikte zwischen Amtskirche und Marianischer Kongregation, für die MK steht, waren 1962 bereits für einen Zehnjährigen erkennbar. Wenn ein Gymnasiast als Fahrschüler, der Stunden im braun gekachelten Jugendwarteraum im Hauptbahnhof bis zum nächsten Bus zubringen musste, den Verführungen von Josef Windischer erlag, der in der MK Unterstützung bei Hausaufgaben und Tischfußball versprach, drohte der Heimatpfarrer mit allen Qualen der Hölle.

Als der Pfarrer schließlich den eifrigen Ministranten vor versammelter Gemeinde als Verräter demütigte, gab es keinen Zweifel mehr – die MK war die richtige Wahl.

Andererseits hieß es auch Abschiednehmen von Freunden, denn die MK war das „Jugendzentrum für Gymnasiasten”, Hauptschüler mussten draußen bleiben. Erst die gesellschaftlichen Veränderungen der 60er-Jahre führten zur Öffnung. Mädchen- und Buben-MK durften sich beim gemeinsamen Gottesdienst – freitags vor Schulbeginn – begegnen. Da konnten auch Hauptschüler nicht mehr schaden.

Die damit einhergehende Aufgabe konservativer Erziehungsideen war dann auch der Anfang vom Ende der Ordenskarriere Pater Kripps, der insgeheim als Baron für den elitären Anspruch bürgen sollte.

Am Ende übergibt der Regisseur Marc Brugger das Mikrofon an einen der nach Nicaragua mitgereisten Innsbrucker Zeitzeugen, um Sigmund Kripp eine ungehörige Frage stellen zu lassen, die vielleicht einem Fremden nicht zusteht. Aber der von seinem Orden verstoßene, inzwischen 90-jährige Entwicklungshelfer hat mit der Bilanz seines geistlichen Lebens kein Problem. Er wandert über den Strand, es ist kein vermintes Gelände: „Mit der Kirche habe ich nichts mehr am Hut!” (p. a.)