Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 05.12.2018


Film und TV

Leidensjahre und Gottesfurcht in Bullerbü: Ein Film über Astrid Lindgren

Pernille Fischer Christensen erzählt in „Astrid“ von schmerzhaften Jugenderfahrungen der Erfinderin von Pippi Langstrumpf.

Alba August als Astrid Lindgren, die bereits als Jugendliche mit Fantasie und Furchtlosigkeit Aufsehen erregte.

© FilmladenAlba August als Astrid Lindgren, die bereits als Jugendliche mit Fantasie und Furchtlosigkeit Aufsehen erregte.



Innsbruck — Eine alte Frau sortiert ihre Post. Sie öffnet nur jene Briefe, die an der Handschrift erkennbar von Kindern geschrieben wurden. Die Absender bedanken sich für das Glück, das sie mit den Geschichten der Autorin erfahren haben. Aus manchen Umschlägen zieht die Frau bunte Kinderzeichnungen, die auf der ganzen Welt entziffert werden können.

Die roten Zöpfe gehören Pippi Langstrumpf, ebenso leicht sind Ronja Räubertochter oder Michel aus Lönneberga zu erkennen. Die Dame am Schreibtisch ist Astrid Lind­gren, der die Kinder mit Texten und Bildern am 14. November 1987 zu ihrem 80. Geburtstag gratulieren.

Aber wie hat alles angefangen? Mit andächtigem Ernst verfolgt die Gemeinde von Vimmerby die Predigt des Pastors, der von den Ausschweifungen in Sodom und Gomorra erzählt. Nur Astrid Ericsson (Alba August), deren fröhliches Gesicht zwei lange Zöpfe umrahmen, stört mit einem Lachkrampf. Gomorra inspiriert die 17-Jährige zu einem (schwedischen) Wortspiel, mit dem sie ihre drei Geschwister noch bei so manchem Frühstück unterhalten und ihre Eltern verstören wird, denn als Pächter des zur Kirche gehörenden Bauernhofes haben sie demonstrative Frömmigkeit als Teil des Pachtvertrages verinnerlicht.

Sie schmunzeln heimlich, belegt der hingeworfene „GuMorre"-Gruß doch die schon in der Schule gerühmte Fantasie ihrer Tochter. Wegen der Schulaufsätze meldet sich der Herausgeber der Zeitung Vimmerby Tidning, Reinhold Blomberg (Henrik Rafaelsen) möchte Astrid als Sekretärin und Reporterin beschäftigen.

Die Zöpfe weichen dem angesagten Bubikopf, das Bild der brennenden Städte wurde anfangs nicht zufällig gewählt. Astrid erwartet von dem um 30 Jahre älteren, verheirateten Zeitungsmann ein Kind. Da bereits der Verdacht einer Schwangerschaft die Ericssons in das Elend stürzen würde, muss Astrid nach Stockholm übersiedeln, wo alleinstehende schwangere Frauen weniger auffallen.

Da Blomberg wegen Ehebruchs eine Gefängnisstrafe drohen könnte, muss Astrid ihr Kind in Dänemark zur Welt bringen, dem einzigen Land Skandinaviens, das in dieser Zeit anonyme Geburten erlaubt. Es sind schließlich erste Frauenrechtlerinnen und Marie (Trine Dyrholm), die Pflegemutter des in Kopenhagen geborenen Lasse, die Astrid retten, obwohl ihr nach Maries Tod noch harte Jahre als alleinerziehende Mutter in einer repressiven Gesellschaft bevorstehen.

Dass der Film der dänischen Regisseurin Pernille Fischer Christensen dennoch locker daherkommt, liegt auch an Alba August, die in manchen Momenten an die junge Ingrid Bergman erinnert und an den Symbolen leichtfüßig vorbeihuscht und so auf das anarchisch verspielte Erzähl­universum der späteren Kinderbuchautorin verweist.

Die Schauspielerin konnte sich außerdem mit einem Film ihres Vaters Bille August auf die Ära vorbereiten. Der hat in „Pelle der Eroberer" vom Elend der Pächter und Dienstboten in Schweden und Dänemark erzählt. (p. a.)