Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.12.2018


Film und TV

“Widows“: Ein Raubzug als Flucht vor dem Schicksal

Der britische Oscar-Preisträger Steve McQueen („12 Years a Slave“) wendet sich mit „Widows – Tödliche Witwen“ dem US-Genre-Kino zu.

Eine trauernde Witwe plant den großen Coup: Viola Davis (Mitte) und ihre Mitstreiterinnen.

© FoEine trauernde Witwe plant den großen Coup: Viola Davis (Mitte) und ihre Mitstreiterinnen.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Steve McQueen ist ein gefeierter britischer Arthouse-Regisseur. Nun hat er mit „Widows“ erstmals einen Genrefilm gedreht, der auch zu seinem amerikanischen Namensvetter Steve McQueen, dem „King of Cool“ der 60er, gut gepasst hätte. Es ist ein so genanntes Heist Movie, also eine Räuberpistole, angesiedelt in Chicago. Doch der Regisseur von „12 Years a Slave“ will in seinem vierten Spielfilm freilich mehr als nur eine Gangstergeschichte erzählen.

In der ersten Einstellung küsst seine Hauptfigur Veronica Rawlings (Oscar-Gewinnerin Viola Davis) ihren weißen Ehemann Harry (Liam Neeson). Die beiden führen eine glückliche Ehe, auch wenn in kurzen Rückblenden mit dem Tod ihres Sohnes ein geteiltes Leid enthüllt wird. Doch Harry stirbt bei einem Arbeitsunfall, sprich: bei einem schiefgegangenen Raubzug. Veronica hat als Witwe nicht lange Zeit zu trauern, schon bald stehen Schuldeneintreiber vor ihrer Tür. Sie muss Harrys nächsten Coup in die Tat umsetzen, um an Geld zu kommen. Dafür sucht sie die Witwen seiner Kollegen auf und die Bande macht sich genretypisch an die präzisen Vorbereitungen.

McQueen erzählt seine harte Heist-Story vor dem Hintergrund eines lokalen Wahlkampfs. Der korrupte Jack Mulligan (Colin Farrell) will in die Fußstapfen seines Vaters Tom (Robert Duvall) als Stadtrat treten. Auf sein Geld haben es die Witwen abgesehen. Der Konkurrent Jamal Manning (Brian Tyree Henry) ist Afroamerikaner und ähnlich käuflich und skrupellos wie seine weißen Gegner. Chicago als urbanes Setting lässt Kameramann Sean Bobbitt unter anderem in einer phänomenalen Autofahrt durch die Straßen deutlich werden, ohne Schnitt von einem Wahlkampfauftritt in den Armenvierteln hin zur Villa der Mulligans.

„Widows“ ist der politische Anspruch über weite Strecken deutlich anzumerken. Basierend auf einer britischen Fernsehserie der Autorin Lynda La Plante aus den 80ern, lädt McQueen sein Casting mit den ethnischen Konflikten des heutigen Amerika auf. Gerade den vier Gangster-Frauen gibt McQueen ordentlich Raum, um ihre doppelt marginalisierten Figuren zu entwickeln. Jede der Frauen, die Veronica rekrutiert, bringt einen anderen Background mit. Alle, die Latina Linda (Michelle Rodriguez), die Osteuropäerin Alic­e (Elizabeth Debicki) und die Afroamerikanerin Belle (Cynthia Erivo), versuchen ihrem Schicksal zu entfliehen.

Zuweilen lenken all diese Nebenschauplätze den Film zu sehr Richtung Drama ab und bringen die Spannung des Hauptplots aus der Balance. Erst im letzten Drittel erlauben sich McQueen und die Chicagoer Autorin Gillian Flynn („Gone Girl“), voll ins Thriller-Genre einzusteigen samt starker Wendungen. Auch wenn „Widows“ seine eigenen hohen Ziele etwas verfehlt, ist es dennoch ein ausgeklügelter Genre-Film mit einem überragenden Ensemble.




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