Letztes Update am Sa, 08.12.2018 07:18

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Claudia Stöckl: „Die Abenteuer des Lebens hören nicht auf“

Für ihr neues Buch stellt Ö3-Moderatorin Claudia Stöckl die großen Lebensfragen über Glück, Liebe und Abschied. Im TT-Interview erzählt sie davon.

© Thomas Boehm / TTClaudia Stöckl im Gespräch mit der TT.



Seit 21 Jahren sind Sie das Gesicht und die Stimme von „Frühstück bei mir“, einem der erfolgreichsten Radioformate Österreichs. Wie kam es dazu?

Claudia Stöckl: Das Format ist damals im Zuge der Ö3-Reform Anfang 1997 entstanden. Der damalige Chefredakteur Bogdan Roscic gab mir den Auftrag und ist damit ein ziemliches Risiko eingegangen. Ich war ja eigentlich Printjournalistin und habe Leute-Interviews für News gemacht. Zum Test, ob meine Stimme im Radio überhaupt funktioniert, musste ich vorher eine Nachtsendung moderieren.

Roscic hat zu mir gesagt: „Ich möchte, dass zwei Personen an einem Tisch sitzen und sich unterhalten.“ Und meine erste Frage war: „Und wer ist die zweite?“ Ich hatte ja selbst noch so wenig Selbstbewusstsein und sah mich selbst mehr als Fragestellerin, aber sicher nicht als Persönlichkeit.

Wie lief dann Ihre erste Sendung?

Stöckl: Das war ein großer Glücksfall. Mein erster Gast war nämlich der damalige Finanzminister Viktor Klima. Wir hatten ihn ausgesucht, weil gerade die Creditanstalt verkauft worden war und er bei dem Deal dabei war.

Zu Gast beim sonntäglichen "Frühstück bei mir": Sänger Udo Jürgens ...
- ORF

Der Glücksfall war, dass ich ihn am Donnerstag als Finanzminister interviewt habe, und zwei Tage später ist dann Franz Vranitzky überraschend zurückgetreten und Klima wurde der neue Bundeskanzler! Ich hatte also in meiner allerersten Sendung den neuen Bundeskanzler, das war schon toll. Da habe ich schon gewusst, dass die Sendung unter einem guten Stern stand.

Wie bereiten Sie sich auf die Interviews vor? Waren es von Anfang an so persönliche Gespräche?

Stöckl: Eigentlich schon. Ich habe von Anfang an das gefragt, was mich interessiert, und das sind die Prägungen des Lebens: zum Beispiel, wie jemand gescheitert ist und was er daraus gelernt hat. Ich fand es immer sehr wichtig, dass die Menschen ihre Erkenntnisse teilen. Denn jeder geht durchs Leben und hat im Grunde dieselben Fragen, denen er sich stellt: Wo er sein Glück findet und wo die Liebe beginnt.

Wie kitzeln Sie solche Details aus Ihren Gesprächspartnern?

Stöckl: Ich bin da immer schon ganz intuitiv herangegangen und habe geschaut: Was hat mein Gesprächspartner erlebt? Denn jede zerbrochene Liebe hat etwas, aus dem man lernt. Ein Erfolg hat eine eigene Dynamik, aber wie geht man mit einem Misserfolg um? Ich denke mir, jeder ist ein Lehrer, und so will ich das auch transportieren.

... der bhutanische Glücksminister Ha Vinh Tho ...
- ORF

Können Sie von diesen „Lehrern“ nach 21 Jahren immer noch etwas lernen?

Stöckl: Ja, jedes Mal. Die Abenteuer des Lebens hören nicht auf. Ich hatte neulich zum Beispiel die Tiroler Schauspielerin Nina Hartmann bei mir, die mir erzählt hat, dass sie begonnen hat, ihr eigenes Kabarettprogramm zu schreiben, weil sie nicht die Rollen als Schauspielerin bekommen hat, die sie sich vorgestellt hatte. Sie hat die Initiative ergriffen und sich gedacht: „Ich bin ein Talent und nehme es selbst in die Hand, es zu zeigen.“ Wie Menschen proaktiv ihr Leben in die Hand nehmen und daraus etwas machen – dieses Proaktive hat mich sehr beeindruckt.

Buch-Tipp

Interview mit dem Leben. Claudia Stöckls Buch ist ein Rückblick auf die Highlights von 20 Jahren „Frühstück bei mir", eine Sammlung von facettenreichen Ansichten auf das Leben. Ecowin Verlag, 232 Seiten, 20 Euro.

Manchmal sprechen Sie aber auch über traurige Dinge in Ihrer Sendung ...

Stöckl: Ja, zum Beispiel war erst kürzlich Herbert Grönemeyer bei mir. Es war extrem schön, als er sagte, dass Trauern und Glück Hand in Hand gehen können. So formuliert war das etwas Neues für mich. Dass er nämlich jetzt eine neue Liebe gefunden hat und sagt, dass seine verstorbene Frau dennoch einen Platz hat in seinem Leben, hat mich schon überrascht.

Es fasziniert mich, was die Menschen formulieren können. Das dann mit den Hörern teilen zu können, freut mich immer wieder. Ich merke, dass es die Menschen berührt.

... und Kabarettist Josef Hader.
- ORF

Hatten Sie schon einmal eine harte Nuss zu knacken?

Stöckl: Ja, natürlich. In meinem Buch schreibe ich zum Beispiel von ­Elyas M’Barek, der offensichtlich keinen guten Tag hatte, als wir uns getroffen haben, und sehr kurze Antworten gab. Als ich ihn zum Beispiel gefragt habe, wie er Weihnachten feiert, hat er geantwortet: „So wie alle Weihnachten feiern.“ Daraus kann ich natürlich nicht viel machen. Das Kapitel habe ich „Was lerne ich aus dem Scheitern?“ genannt. Ich muss das nämlich akzeptieren und versuche dann, mit Empathie und Freundlichkeit Dinge zu hinterfragen. Aber wenn ein Star sich darauf nicht einlassen will, kann ich auch nichts machen.

Bleiben wir bei der Empathie. Haben Sie den Eindruck, dass sie weniger geworden ist?

Stöckl: Ich muss sagen, ich kenne so viele engagierte Menschen, auch in der Flüchtlingshilfe, dass ich nicht den Eindruck habe. Ich finde es wichtig, den Blick darauf zu richten, dass es viele Menschen gibt, die Gutes tun. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass eine Kälte in das Land eingezogen ist.

Auch Sie engagieren sich – für Kinder in Indien ...

Stöckl: Ja, das mache ich inzwischen seit zwölf Jahren. Ich wollte damals eine Patenschaft übernehmen und mir ist der kleine Verein „ZUKI – Zukunft für Kinder“ in Klosterneuburg empfohlen worden. Inzwischen bin ich als Obfrau jeden Tag damit beschäftigt. 300 Kinder und Jugendliche leben in unserem Kinderdorf und bekommen von uns eine Schulausbildung bis zur Matura.

Das Interview führte Evelin Stark


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