Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 02.01.2019


1929-1989

Sergio Leone: Der geniale Parasit

Sergio Leones Tod jährt sich heuer zum 30. Mal. Morgen wäre er 90 geworden.

"Für eine Handvoll Dollar"-Regisseur Sergio Leone, 1964.

© imago stock&people"Für eine Handvoll Dollar"-Regisseur Sergio Leone, 1964.



Innsbruck – Ende der 1950er-Jahre schickte der italienische Regisseur Mario Bonnard seinen Assistenten Sergio Leone in den Süden Spaniens. Es galt Drehorte für einen weiteren Sandalen-Schinken Bonnards zu finden. Hier sollte man Western drehen, die Landschaft erinnere an Arizona, telegrafierte Leone nach Rom. Leone kannte Amerika damals nur aus dem Kino. Aus Westernfilmen.

Die große Zeit des Westerns war damals lange vorbei. Das Genre sei tot, bekam Leone von Robert Aldrich zu hören, dem er 1961 bei „Sodom und Gomorrah“ assistierte. Der Erfolg der deutschen Karl-May-Verfilmung „Der Schatz im Silbersee“ (1962) bewies das Gegenteil. Jedenfalls in Europa. Die italienischen Versuche, an der neuen Popularität des alten Genres mitzuschneiden, misslangen. Keiner der 30 italienischen Western, die zwischen 1962 und 1964 entstanden, fand sein Publikum. „Schlechte Kopien“, befand Leone. Und drehte „Für eine Handvoll Dollar“. Wirklich originell war auch sein Ansatz nicht. „Die glorreichen Sieben“ eigneten sich Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ an. Der geniale Parasit Leone verlegte Kurosawas „Yojimbo“ ins mexikanisch- amerikanische Grenzland.

Trotzdem war alles neu: kaum Dialog, dafür vielsagende Blicke, kein Pathos, dafür Ironie, die bisweilen in Zynismus umschlug. In einem Jahr, in dem selbst italienische Hochglanzproduktionen floppten, entwickelte sich „Für eine Handvoll Dollar“ 1964 zum Sensationserfolg. Hauptdarsteller Clint Eastwood, bis dahin ein TV-Gesicht unter vielen, wurde zum Superstar: Der Western all’Italiana (vulgo Spaghetti-Western) war geboren.

Schon Leones zweiten Streich, „Für ein paar Dollar mehr“ (1965), produzierte der geschäftstüchtigste Großfinanzier Alberto Grimaldi.

Spätestens mit „Zwei glorreiche Halunken“ (1966) spielte Leone seinen Gestaltungswillen voll aus: Duelle zerdehnte er zu rituellen Handlungen – und die Kamera tanzte zu den stilbildenden Scores des Komponisten Ennio Morricone.

Auch in Hollywood war man inzwischen auf Leone aufmerksam geworden, forderte aber als Sicherheit für sein Wunschprojekt, den Gangsterfilm „Es war einmal in Amerika“, einen weiteren Western. Leone drehte „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968): ein Abgesang auf das Genre – und eine zornige Anklage der verlogenen Mythen, die das Kino jahrzehntelang feierte. Mit amerikanischem Geld, amerikanischen Stars und an amerikanischen Schauplätzen verfilmte Leone einen amerikanischen Mythos – den Bau der Eisenbahn – als berechnenden und rücksichtslosen Gewaltakt. Europas Filmkritik jubelte. Der Erfolg in den USA war überschaubar.

„Es war einmal in Amerika“ rückte in weite Ferne. Das Angebot, Mario Puzos „Der Pate“ zu verfilmen, lehnte er ab – und suchte mit „Todesmelodie“ (1972) orientierungslos nach Wegen, Politik und Poesie zusammenzukochen. Das Ergebnis war durchwachsen.

Erst nach mehr als einem Jahrzehnt Pause nahm „Es war einmal in Amerika“ (1984) tatsächlich Form an. Kunstvoll verschachtelt erzählt Leone von kindlichem Spiel, das blutiger Ernst wird, von Gier und Grausamkeit, von verpassten Chancen und hohlen Hoffnungen. Auch „Es war einmal in Amerika“ floppte, inzwischen gilt es selbst in den USA als Meisterwerk.

Morgen wäre Sergio Leone, dessen Tod am 30. April 1989 sich heuer zum 30. Mal jährt, 90 Jahre alt geworden. (jole)