Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 03.01.2019


Kino

“Wajib“: Ängste und Hoffnungen

Die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir liefert mit ihrem Filmjuwel „Wajib“ eine tragikomische Geschichtslektion über das Leben in Nazareth.

Mohammad und Saleh Bakri, auch im realen Leben Vater und Sohn, und palästinensische Kinostars bei der Kostümprobe zur bevorstehenden Hochzeit.

© TrigonMohammad und Saleh Bakri, auch im realen Leben Vater und Sohn, und palästinensische Kinostars bei der Kostümprobe zur bevorstehenden Hochzeit.



Innsbruck – Angesichts der Müllberge müsste Nazareth eine Millionenmetropole sein, doch die Stadt im Norden Israels hat gerade einmal 75.000 Einwohner. Die mangelhafte Infrastruktur wird noch einmal durch Nachbarschaftskonflikte verschärft. Die Menschen werfen den Müll in den Nachbargarten, schon ist das Problem auf individuelle Weise gelöst.

Die Wahl des falschen Parkplatzes kann nach Minuten mit zerstochenen Reifen geahndet werden, weshalb es sich empfiehlt, in Bewegung zu bleiben. So schildert zumindest die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir die israelisch-arabischen Beziehungen in ihrem dritten Kinofilm „Wajib“. Der Titel bedeutet „Verpflichtung“ und meint die Tradition, Hochzeitseinladungen persönlich zu übergeben.

Dieser Verpflichtung kommen ein Vater und dessen aus Rom angereister Sohn nach und quälen sich kurz vor Weihnachten einen Tag lang mit einer alten Limousine durch die engen Straßen von Nazareth. „Wajib“ ist kein Roadmovie, in dem Landschaften vorbeiziehen. Staus bestimmen das Tempo, Sargträger schlängeln sich durch die Blechlawine. Der Stillstand wird zur Metapher einer gespaltenen Stadt in sicherer Distanz zu umkämpften Krisenschauplätzen. Da bleibt Zeit, schmerzhafte Geschichten aufzuarbeiten.

Shadi (Saleh Bakri) sieht in seinem Vater (Mohammad Bakri) einen Opportunisten und Feigling, der sich des Fortkommens als Lehrer wegen von den Israelis demütigen lässt. Der Vater hat ihn zudem gezwungen, nach Italien zu emigrieren.

Abu Shadi sieht in seinem Sohn einen Mann, der noch immer nicht verheiratet ist, der statt Arzt Designer geworden ist, der für hiesige Verhältnisse zu bunte Kleidung trägt, um gar nicht erst von den langen Haaren zu reden. Und Opportunismus ist in einer von Israel verwalteten Stadt, die sich Christen und Muslime unfreiwillig teilen müssen, eine Frage des Überlebens. Immerhin hat sich Abu Shadi nach der Emigration der Mutter als Alleinerzieher um die beiden Kinder gekümmert. Und hätte er seinen Sohn vor 20 Jahren nicht gezwungen auszuwandern, würde der politische Aktivist im günstigen Fall in einem israelischen Gefängnis sitzen. „Ich wollte dein Leben retten!“, sagt der Lehrer, aber auch, dass der verlorene Sohn wieder heimkehren möge. Aber schon im Restaurant, das auch von israelischen Soldaten geschätzt wird, muss Abu Shadi zur Kenntnis nehmen, dass daraus wohl nichts mehr werden wird.

„Wajib“ ist eine fast gespenstisch leichte Geschichtslektion – die beiden Hauptdarsteller sind auch im realen Leben Vater und Sohn und in Palästina große Stars – über die Zermürbung durch die politischen Verhältnisse. Am Ende einer langen Autofahrt erscheinen die Fragen nach dem Scheitern und den Kompromissen in neuem Licht.

Nach der Uraufführung von „Wajib“ im Sommer 2017 beim Filmfestival von Locarno, wo Annemarie Jacir im Wettbewerb gleich drei Preise einheimsen konnte, wurde ihre Tragikomödie auch bei anderen Festivals von London bis Dubai gefeiert, nur für einen internationalen Kinostart reichte es nie. Daher können wir dieses Filmjuwel jetzt als verspätetes Weihnachtsgeschenk betrachten, das umso mehr Vergnügen bereitet.