Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 09.01.2019


Kino

Das Misstrauen einer liebenden Mutter

Nachwuchs-Darsteller Lucas Hedges brilliert als drogensüchtiger Sohn in „Ben is back“ an der Seite von Julia Roberts.

Ernstes Kino für ein erwachsenes Publikum: Julia Roberts und ihr Film-Sohn Lucas Hedges in „Ben is back“.

© TobisErnstes Kino für ein erwachsenes Publikum: Julia Roberts und ihr Film-Sohn Lucas Hedges in „Ben is back“.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Ben is back“ ist eine Mutter-Sohn-Geschichte, umgesetzt vom Vater-Sohn-Duo Peter und Lucas Hedges. Der Vater führt Regie, der Sohn spielt die Titelrolle. Als Mutter ist keine Geringere als Julia Roberts mit dabei. Die Oscar-Gewinnerin wird hier wieder einmal ihrem Ruf als gute Seele des amerikanischen Kinos gerecht. Hatte sie zuletzt in der leichten und zuckersüßen Bestseller-Verfilmung „Wonder“ die Mutter eines körperlich beeinträchtigten kleinen Jungen gespielt, stellt sie sich als Holly Burns nun den Schwierigkeiten, die ein erwachsener Sohn machen kann. Der heißt Ben, ist drogensüchtig und sollte eigentlich in einer Entzugsklinik sein. Doch ausgerechnet am Weihnachtsabend steht er plötzlich vor der Tür. Holly hat sich mit Bens Schwester Ivy, Stiefvater Neal und zwei kleinen Kindern ein neues Zuhause aufgebaut. Dennoch erlaubt sie ihm, über die Feiertage zu bleiben. Unter strengen Auflagen. Kontakte aus Bens Drogenvergangenheit stören den Weihnachtsfrieden.

Das Drehbuch von Peter Hedges komprimiert den Konflikt auf eine kurze Zeitspanne. Die emotionale und bald auch äußere Dramatik der Mutter-Sohn-Beziehung steht im Fokus. Nichts lenkt von den beiden Figuren ab. Das verlangt Roberts und Lucas Hedges schauspielerisch viel ab. Julia Roberts beweist, dass sie ihren Oscar für die Rolle der unbeugsamen Umweltaktivistin Erin Brockovich nicht zu Unrecht bekommen hat. Die kompromisslos liebende Mutter ist eine Paraderolle für die 51-Jährige, weit entfernt von der romantischen „Pretty Woman“ von 1990.

Doch vor allem Lucas Hedges meistert diese Herausforderung mit Bravour und etabliert sich als ernstzunehmender Mime.

Der 22-Jährige hat bereits eine beachtliche Schauspielkarriere vorzuweisen. 2016 war er als Nebendarsteller in „Manchester by the Sea“ oscarnominiert. Mit Auftritten in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ und „Lady Bird“ etablierte er sich in Hollywood. Gerade erst erhielt er eine Golden-Globe-Nominierung als schwuler Pastoren-Sohn im Film „Boy Erased“.

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Mit „Ben is back“ hat ihm sein Vater nun eine ebenso fordernde wie dankbare Rolle auf den Leib geschrieben. Lange spielt er mit der Unsicherheit der Zuschauer. Die Skepsis der Mutter über seine Aufrichtigkeit trifft auf ihren guten Willen und seine sympathische Art. Doch sogar Ben selbst erinnert seine Familie daran, einem Süchtigen nicht zu vertrauen. „Ich hab dir doch gesagt, du darfst mir nicht trauen und du hast nicht auf mich gehört.“ Dieser doppelbödige, psychologische Realismus des drogensüchtigen jungen Mannes macht „Ben is back“ zu einem selten gewordenen, ernsthaften Schauspiel-Drama für ein breiteres, erwachsenes Publikum.

Die Ironie dabei: Ende Jänner bringt Regisseur Felix van Groeningen mit „Beautiful Boy“ eine sehr ähnliche Geschichte ins Kino, mit Wunderkind Timothée Chalamet als drogensüchtigem Sohn und Steve Carell als Vater. Auch im Vergleich zu diesem etwas intensiveren Arthouse-Drama brauchen sich „Ben is back“ und vor allem sein Hauptdarsteller Lucas Hedges nicht zu verstecken. Oscar-Nominierungen für die beiden Hauptdarsteller von „Ben is back“ sind durchaus möglich. Und die alljährliche Renaissance kleiner dimensionierter, anspruchsvoller US-Filme rund um die Oscars ist durchaus erfreulich.