Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 13.01.2019


Film und TV

Vom East End zur Fashion Week

Vom Arbeiterkind zum provokanten Designer. Eine neue Doku stellt das Mode-Genie Alexander McQueen vor.

Handwerkskunst gepaart mit dem theoretischen Verständnis für die Mode: McQueens Entwürfe waren geprägt von einer gehörigen Portion Dramatik.

© ThimfilmHandwerkskunst gepaart mit dem theoretischen Verständnis für die Mode: McQueens Entwürfe waren geprägt von einer gehörigen Portion Dramatik.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Ein mit Blumen geschmückter Totenkopf ziert das Filmposter von „McQueen“. Diese morbide Schönheit war das Kennzeichen des Modedesigners Alexander McQueen. Er spielte damit und verstörte die Öffentlichkeit, was für ihn das Gleiche bedeutete. Das Doku-Porträt “McQueen” zeigt ihn als Künstler-Genie, vor Kreativität sprühend und manisch. Dem Künstler-Typus entsprechend stellt der Film aber auch seine ,dunkle Seite‘ vor, die seinen Suizid 2010, nur wenige Tage nach dem Tod der Mutter, erklären soll. Seiner Popularität hat der frühe Tod, wie so oft bei jungen Genies, nicht geschadet. Eine Ausstellung des New York Metropolitan Museum mit dem Titel „Savage Beauty“ stieß auf ungeheures Interesse, ähnlich wie McQueens Mode-Shows in den 90er- und 2000er-Jahren.

Lee Alexander McQueen war der Sohn eines Londoner Taxifahrers, weit weg von der Oberflächlichkeit und Dekadenz der Mode-Industrie. Dennoch wurde er zu einem der einflussreichsten Designer der jüngeren Vergangenheit. Er entwarf Outfits für Kunstfiguren wie David Bowie, Björk und Lady Gaga. Für Björk kreierte er für das Video „Pagan ­Poetry“ ein Perlenkleid, das mit Piercings an ihrem Körper festgemacht wurde. Lady Gaga widmete ihm den Song „Fashion of His Love“. Im Film geben viele unmittelbare Weggefährten ihrer Bewunderung Ausdruck und versuchen, das Enfant terrible zu erklären. Wie immer bei Biografien stoßen die ehrfurchtsvollen Worte dabei schnell an ihre Grenzen. Mehr Konzentration auf die wirklich interessanten Köpfe hätte gutgetan. Der Film komponiert die zu kurzen Sätzen zusammengeschnittenen Gespräche zu einer Tour durch sein Leben, mithilfe eines guten Soundtracks. Das wirklich Spannende sind jedoch die Aufnahmen seiner theatralischen Shows. Dort kommt die manische Schaffenskraft McQueens am besten zum Ausdruck, aber auch, wie viel Handwerk in der Arbeit des Künstlers steckte. Ungewöhnlich für einen Star-Designer, legte er selbst Hand an – etwas, das die angestellten Schneider im Hause Givenchy erstaunte. Und so beobachtet der Zuschauer ihn selbst beim Nähen, Schneiden, Reißen und Anpassen von Stoffen: McQueen hatte sich als Lehrling durch die Schneiderwerkstätten der Savile Row gearbeitet, bevor er Mode auch in der Theorie am College studierte. Die Doku verdeutlicht sowohl das Verständnis für die Mode als auch die Handwerksmeisterschaft McQueens. und zeichnet den Weg von der Schneiderei zur intensiven Provokation seiner Jack-the-Ripper-Kollektion „McQueen’s Theatre of Cruelty“ oder der sinnlichen Eleganz als Givenchy-Chefdesigner in Paris nach.

Teil der Provokation waren auch der Klassenunterschied und die Hassliebe der dekadenten Oberschicht zum Jungen aus dem Londoner East End. McQueen nahm sich in seinem Arbeiter-Englisch kein Blatt vor den Mund und konnte die moralischen Konventionen auf seine Art bestens unterlaufen. Diesen Habitus verdeutlichen auch die Tapes, welche McQueen und seine Gang drehten; die zudem auch den aktuellen Film quasi vorwegnehmen: „The Original Documentary on Alexander McQueen: the McQueen Tapes“. Auch wenn die Doku über McQueen „braver“ ist als McQueen selbst, erinnert sie doch an einen außergewöhnlichen Menschen.