Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 16.01.2019


Kino

“Menschen, die es nicht gibt“: Kinder ohne Kindheit

Nadine Labakis herzzerreißende Parabel „Capernaum — Stadt der Hoffnung“ läuft derzeit im Kino.

Nadine Labaki fand ihren Hauptdarsteller, den 12-jährigen Zain Al Rafeea, in einem Flüchtlingslager.

© ThimfilmNadine Labaki fand ihren Hauptdarsteller, den 12-jährigen Zain Al Rafeea, in einem Flüchtlingslager.



Innsbruck – Der kleine Zain (Zain Al Rafeea) steht, nur mit Unterhose und Leibchen bekleidet, vor einem Arzt, der nach einem Anhaltspunkt zur Feststellung des Alters sucht. Wegen des Fehlens der Weisheitszähne schätzt er den Buben auf zwölf und schon klicken die Handschellen. Ein Polizist führt ihn in den Gerichtssaal. Wegen einer Messerattacke ist das Kind bereits zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden, jetzt begrüßt ihn der Richter als Kläger. Die Beklagten sind seine Eltern, die auch keine Angaben zu seinem Alter machen können. Zain verlangt die Verurteilung seiner und aller anderen Eltern, die Kinder zeugen, ohne sich je um sie kümmern zu wollen oder zu können, und damit nur Elend hervorbringen.

Dieses Elend zeigt die libanesische Regisseurin Nadine Labaki in ihrem dritten Kinofilm in Rückblenden. Anders als in ihren gefeierten Komödien „Caramel“ und „Wer weiß, wohin?“ über Konflikte zwischen Männern und Frauen in Beirut und über Moslems und Christen im Libanon gibt es in „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ nichts zu lachen.

Zain würde gern etwas lernen, die Caritas belohnt den Schulbesuch sogar mit Lebensmittelpaketen, aber er hat als Bote und Auslieferer bereits eine Stelle und mit seinem treuherzigen Blick ist er auch für Drogengeschäfte verwendbar. Wozu also noch eine Schule, sagt der Vater. Die kleineren Geschwister sind aneinandergekettet, was die Aufsicht erleichtert. Für die jüngere Schwester Sahar (Haita Izam) haben die Eltern einen Interessenten gefunden. Für ein Dutzend Hühner und das Wohnrecht in einem feuchten Loch tauschen sie die Elfjährige. Da Zain den Handel nicht verhindern kann, ergreift er die Flucht und begegnet in der aus Äthiopien geflüchteten und als Klofrau in einem Vergnügungspark beschäftigten Rahil (Yordanos Shiferaw) erstmals einem Menschen, der so etwas wie Wärme und Zuversicht ausstrahlt. Rahil wohnt mit ihrem kleinen Sohn in einem Bretterverschlag, in den Zain einziehen darf, sofern er sich um den einjährigen Yonas kümmert.

Wie Zain oder seine Eltern gehört auch Rahil zum Heer der Illegalen, der „Menschen, die es nicht gibt“. Die junge Frau könnte mit dem Verkauf ihres Kindes ihre Lage verbessern, schließlich lauern an jeder Ecke Menschen- und Sklavenhändler, die für Yonas 500 Dollar bieten. Umgekehrt weigern sich Unternehmer, diesen Illegalen den Lohn zu zahlen, da letztere mit einer Klage ihre Abschiebung riskieren würden. Als Rahil nicht mehr von ihrer Arbeit zurückkehrt und unauffindbar bleibt, könnte Zain mit 500 Dollar für das Baby diese Slum-Landschaft, vielleicht sogar diesen Kreislauf aus Erniedrigungen verlassen und seinem Traum von einer Zukunft in Schweden näher kommen. Aber Zain, der nie ein Kind sein durfte, bleibt, und Nadine Labaki, die sich weder ihren Figuren noch ihrem bewundernswerten Laien­ensemble gegenüber spekulativ verhält, gewährt uns die herzzerreißendsten Momente seit Charlie Chaplins Stummfilm „The Kid“, den die Regisseurin bis zum Plakatmotiv würdigt. Wie bei Chaplins Tramp inspiriert die Not Zain zu Erfindungen wie den aus einem Skateboard und einer Blechwanne gebauten Kinderwagen.

Für ihre mit der Handkamera und großer Wut gedrehte Parabel über die kleinen und großen Kämpfe um Identität und Anerkennung gewann Nadine Labaki im vergangenen Jahr in Cannes den Preis der Jury. (p. a.)