Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 17.01.2019


Kino

Michael Moore gegen Trump: Noch ist es nicht zu spät

Trump ist nur ein Symptom: Polit-Dokumentarist Michael Moore ist auch in einem Film „Fahrenheit 11/9“ dem schiefen Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie auf der Spur.

Doku-Aktionismus: Filmemacher Michael Moore flutet den Vorgarten von Gouverneur Rick Snyder mit toxischem Trinkwasser.

© PolyfilmDoku-Aktionismus: Filmemacher Michael Moore flutet den Vorgarten von Gouverneur Rick Snyder mit toxischem Trinkwasser.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „How the f*** did this happen?“ Mit dieser Frage eröffnet Michael Moore seine filmische Tirade gegen US-Präsident Trump. Dabei hatte er den Donald als Herr im Weißen Haus als einer der wenigen kommen sehen. Man solle die so genannten Fly-over-States, den mittleren Westen, das Amerika zwischen den liberalen Küsten-Städten, nur ja nicht ignorieren. Dort kennt Moore sich aus. Er stammt aus Flint, Michigan. Einer heruntergewirtschafteten Arbeiterstadt. Und Moore kennt die Mentalität seiner Landsleute. Besser jedenfalls als Hillary Clinton und ihre Wahlkampfberater sie kannten. Doch Michael Moore ist kein bescheidener Intellektueller. Er hat den Habitus des vermeintlich einfachen, lauten Amerikaners perfektioniert. Das zeigt er nun auch in seinem neuen Film.

Der Titel „Fahrenheit 11/9“ bezieht sich auf den Nachwahltag, an dem Trump als Gewinner feststand. Moore spielt damit aber auch auf seinen Film „Fahrenheit 9/11“ an. Die filmische Bestandsaufnahme von George W. Bushs Krieg gegen den Terror nach den Anschlägen vom 11. September 2001 brachte den Dokumentarfilmer 2004 die Goldene Palme von Cannes. Wie damals misst Michael Moore – in Anleihe an Ray Bradburys großen Totalitarismus-Roman „Fahrenheit 451“ – die Temperatur seines Landes und sucht den Punkt, an dem die Demokratie zu brennen beginnt.

Nach einer Ouvertüre vom Showdown des Wahlabends begibt sich Moore auf die Suche nach einer Antwort auf die Provokation Trump. Dabei kämpft er sich tief in die Dunkelheit der US-amerikanischen Post-Demokratie vor. Donald Trump ist für ihn nicht die Ursache der Misere, sondern ein – zugegeben besonders auffallendes – Symptom einer anderen Krankheit. Deshalb hält er sich auch nicht lange mit dem Präsidenten und dem Nebenschauplatz der Russland-Interventionen und dem bedauerlichen Zustand der Medien auf.

Ihm geht es darum zu zeigen, welche Themen vielen einfachen Amerikanern unter den Nägeln brennen und manche in die Arme Trumps treiben. Wie schon in seinem Film zum Gesundheitssystem „Sicko“ ist er dabei am schiefen Verhältnis zwischen Kapitalismus und Demokratie interessiert. „Fahrenheit 11/9“ ist gewissermaßen eine simplere Variante der genialen Noam-Chomsky-Doku „Requiem for the American Dream“ – die hierzulande auf Netflix abrufbar ist.

Kurz gesagt, ist auch für Michael Moore die Korruption der Elite durch Konzentration von Besitz und Macht der Boden für Donald Trumps Erfolg. Das ist nicht neu. Komplexe Analysen oder gar objektive Distanz sind von Michael Moore auch nicht zu erwarten. Doch seine Sorge um die Demokratie ist emotional und eindringlich.

Moore begreift seine Dokumentarfilme seit jeher als unterhaltsame Waffen im aktivistischen Kampf bis hin zu unzulässigen Vereinfachungen. So ist der Trump-Nazi-Vergleich samt Neuvertonung einer Hitler-Rede mit Trumps Worten für europäische Maßstäbe definitiv zu viel des Guten. Wenn Moore mit Handschellen eine Verhaftung des korrupten Gouverneurs Rick Snyder vornehmen will oder dessen Vorgarten mit einem Tankwagen voll vergifteten Trinkwassers besprüht, sind das aufgesetzte Performances, die in früheren Filmen – dem großartigen „Roger & Me“ (1989) zum Beispiel – schon besser funktioniert haben. Inzwischen sind sie zur Masche verkommen. Kurzweilig, aber nicht wirklich aufschlussreich. Am besten ist der Polit-Filmer Moore, wenn er unverhohlen polemisieren kann: Aus seiner Sympathie für Bernie Sanders macht er kein Geheimnis. Aus seiner Verachtung für Hillary Clinton noch weniger. Dass sie sich in den Vorwahlen durchgesetzt hat, setzt er mit Wahlbetrug gleich.

„Wir sind nur ein 9/11 davon entfernt, unsere Demokratie zu verlieren“, sagt Michael Moore im Schlussteil seines Film in Anlehnung an die große Essayistin Susan Sontag. Und bleibt doch leise optimistisch: „Fahrenheit 11/9“ ist Warnung. Und Plädoyer für politisches Engagement. Die Jugend mache ihm Hoffnung. Jene Schüler zum Beispiel, die nach einem Amoklauf auf eigene Faust die #NeverAgain-Kampagne gegen Waffen starteten. Konsequenterweise endet der Film dann auch mit der berührenden Rede der jungen Aktivistin Emma González beim March for our Lives in Washington. Noch ist es nicht zu spät.


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