Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 18.01.2019


Kino

Königin von Schottland: Machtbewusst zur Märtyrerin

Josie Rourke erzählt in „Maria Stuart, Königin von Schottland“ das Duell zweier Monarchinnen als Tragödie einer gescheiterten Kooperation.

Saoirse Ronan als Königin Maria Stuart, die nicht zuletzt an den intriganten Kleingeistern in ihrem Umfeld scheiterte.

© UniversalSaoirse Ronan als Königin Maria Stuart, die nicht zuletzt an den intriganten Kleingeistern in ihrem Umfeld scheiterte.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Im Schachspiel ist die Königin die mächtigste Figur. Der Film „Maria Stuart, Königin von Schottland“ erzählt nun eine Geschichte, an deren Ende kein König, sondern eine Königin schachmatt gesetzt ist – und damit zur legendenumrankten Märtyrerin wurde. Maria Stuart wurde von ihrer Schwester Königin Elisabeth I. nach jahrelanger Gefangenschaft geköpft. Diese Szene steht als Vorgriff am Anfang des Films. Es geht – wie immer – um die Macht. Drehbuch­autor dieser Intrigen-Geschichte ist Beau Willimon, der hier seine Serie „House of Cards“ ins Goldene Zeitalter Britanniens überträgt.

Sein Skript behauptet eine gescheiterte Freundschaft, eine Brieffreundschaft, denn die beiden Königinnen treffen sich erst kurz vor Schluss. Diesen historisch nicht belegten Kniff leiht sich Willimon von Friedrich Schiller, der vor über 200 Jahren die Rivalität zwischen einer stolzen Maria Stuart und einer zögerlichen Elisabeth auf die gutbürgerliche Bühne brachte. Auch die Riege intriganter, falsch spielender männlicher Springer und Läufer im Macht-Schachspiel kommt dort bereits vor. Im Ränkespiel der Macht sollte man niemandem trauen. Das wissen auch die beiden Königinnen: Elisabeth weigert sich, zu heiraten und einen Thronfolger zu gebären, und wird 44 Jahre lang regieren; Mary Stuart kehrt als 18-Jährige aus dem französischen Exil nach Schottland zurück, wo ihr Bruder den Thron als Regent warm gehalten hat. Sie ist stolz und machtbewusst, will sich keinem Mann unterwerfen, aber auch Frieden mit ihrer protestantischen Halbschwester in England wahren. Dass ihr rücksichtsloses Machtstreben als ehrenwerter dargestellt wird, bleibt ein blinder Fleck des Films. Aber – nomen es omen – „Maria Stuart, Königin von Schottland“ ist ­Marias Film – und eine heroische Märtyrerin ist nun einmal eine ideale Protagonistin.

Regisseurin Josie Rourke kommt vom Theater und ist Direktorin des renommierten Donmar Warehouse in London. Schiller hatte Rourke dort zwar noch nicht auf dem Spielplan, aber – of course – viel Shakespeare. Und das kommt ihr für ihre erste Filmregie fraglos zugute: Sie inszeniert den Paarlauf von Maria und Elisabeth raffiniert, nicht als Duell, sondern als Tragödie einer gescheiterten Kooperation. Das hat dramatische Tiefe – und bietet sich, Stichwort Brexit, auch als gegenwartsbezogener Interpretationsansatz an.

In wunderbar fließenden Bildern des „Gladiator“-Kameramanns John Mathieson werden die Machtspiele am Hofe ebenso dynamisiert wie die Ausflüge in die schottische Landschaft. Die Begegnung der beiden Protagonistinnen als eindrucksvoller Höhepunkt in einer lichtdurchfluteten Hütte raubt den Atem. In ihrer einzigen gemeinsamen Szene brillieren beide Hauptdarstellerinnen: die wandlungsfähige, Margot Robbie („I, Tonya“) in weißem Make-up als Herzkönigin, ihr gegenüber die kämpferische Saoirse Ronan („Ladybird“) als feuerrote Königin der Schotten. „Maria Stuart, Königin von Schottland“ ist ebenso ernsthaft wie faszinierend. Ganz wie ein gutes Schachspiel.

Die burleske Variante historischer Intrigen wird übrigens bereits nächste Woche nachgeliefert: Dann kommt „The Favourite“ ins Kino.