Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 01.02.2019


Kino

„The Mule“: Die gefährlichsten Minuten

Clint Eastwood spielt in seinem Film „The Mule“ über einen greisen Drogenkurier mit seinem Image und den amerikanischen Sehnsüchten und Abgründen.

Clint Eastwood als leidenschaftlicher Gärtner und Drogenkurier Earl Stone in „The Mule“.

© WarnerClint Eastwood als leidenschaftlicher Gärtner und Drogenkurier Earl Stone in „The Mule“.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Ein Mann gerät in eine Polizeikontrolle. Er kennt aus einschlägigen Filmen jeden Satz, jede Bewegung und versucht daher, alles richtig zu machen. Keine schnelle Bewegung, aus dem Auto steigen, Hände auf die Kühlerhaube, Beine spreizen. Er nimmt Anweisungen vorweg, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, denn „statistisch gesehen“, sagt er zu den Polizisten, „passieren die fünf gefährlichsten Minuten im Leben eines Menschen in Amerika während einer Polizeikontrolle“.

Der Mann spielt in der Geschichte von „The Mule“ überhaupt keine Rolle, dennoch gönnt ihm der Regisseur Clint Eastwood einen der denkwürdigen Auftritte des Films über einen Drogenkurier, der für ein mexikanisches Kartell Kokain in großen Mengen durch die US-Bundesstaaten fährt. „The Mule“ ist der vom 88-jährigen Eastwood gespielte Earl Stone, den sein Alter vor Entdeckung schützt.

Eine andere Eastwood-Figur könnte viel mit der Angst biederer und meistens farbiger Autofahrer vor Polizeikontrollen zu tun haben. 1971 zog Eastwood als Harry Callahan seine Magnum und sagte: „Go ahead. Make my day!“ Das bedeutete, dem Polizisten mit einer falschen Bewegung einen Vorwand zu liefern, um schießen zu können und vor einem freundlichen Richter mit einer Notwehraktion durchzukommen.

Nach 60 Jahren als Schauspieler und einem halben Jahrhundert als Regisseur und Produzent zieht Clint Eastwood in „The Mule“ noch einmal Bilanz, klopft seine Arbeiten und sein zwiespältiges Image nach ironischen Wendungen für eine Erzählung über amerikanische Sehnsüchte und Abgründe ab.

Gleich zweimal begegnet der greise Earl Stone Filmliebhabern, die ihn für eine „gute Besetzung als Jimmy Stewart“ halten, aber 2005 ist Earl noch der König der Lilien, der wie seine Züchtungen für den „einen Tag der Schönheit“ lebt. Darüber vergisst er seine Familie, übersieht auch das Internet, in dem bald die Geschäfte abgewickelt werden. 2017 ist der leidenschaftliche Gärtner ruiniert und muss sich bei seiner Enkelin einquartieren, da ihm nur ein rostiger Ford geblieben ist. Der Kleinlaster könnte das ideale Transportmittel für Drogenlieferungen sein und Earl mit leichten Botendiensten vor dem Absturz bewahren. Nach den ersten Fahrten kann Earl seine Rostlaube gegen ein an einen anderen Präsidenten erinnerndes Automodell tauschen. Es ist dann dieser in abgehörten Telefongesprächen häufig erwähnte schwarze Lincoln, nach dem Polizei und Drogenbehörde fahnden. Allerdings suchen die Ermittler, von Stars wie Bradley Cooper, Michael Peña und Laurence Fishburne dargestellt, verführt von ihren Klischeevorstellungen nach hispanischen, mit Tattoos verzierten Gangstern.

Diesen Bildern frönt auch Eastwood, während er Earl als einen aus der Zeit gefallenen, am System gescheiterten Rentner zeigt, der sich gern zwei Frauen für einen flotten Dreier gönnt. Auch auf der Straße ist Earl Kavalier. Wenn er einer farbigen Familie bei einer Autopanne hilft, sagt er, er sei froh, „für euch Negerleute etwas tun zu können“. Ebenso hilft er lesbischen Bikern, die mit ihrer Harley nicht so vertraut sind. Es gibt in „The Mule“ nur individuelle Feindbilder, die in der Summe aber ein reaktionäres Weltbild abgeben.