Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 02.02.2019


Film und TV

Finale für einen einstigen Hoffnungsträger

In der nächsten Woche beginnt die letzte Berlinale unter der Leitung von Dieter Kosslick. Er machte das Filmfestival zum Publikumsmagneten. Trotzdem weinen ihm die wenigsten nach.

Dieter Kosslick, Direktor der Internationalen Filmfestspiele Berlin.

© imago stock&peopleDieter Kosslick, Direktor der Internationalen Filmfestspiele Berlin.



Von Marian Wilhelm

Berlin – Der Gewinner der diesjährigen Berlinale steht schon fest. Zumindest, wenn es nach dem scheidenden Direktor Dieter Kosslick geht: „Ich“, erklärte er kürzlich. Und ergänzte: „ich und das Publikum“.

Damit brachte Kosslick quasi nebenbei auch seine Programmatik auf den Punkt. Und damit auch das, was mit den Jahren immer mehr Kritiker fand. Kosslick stellte die Berlinale als größtes „Publikumsfestival des Filmjahres“ gut auf – und sorgte dank geschickter Sponsorenanwerbung dafür, dass in Berlin nicht nur der Bär steppte, sondern auch der Rubel rollte.

Für die von ihm verantwortete Filmauswahl hat sich der 70-Jährige aber immer wieder tadeln lassen. Auch in diesem Jahr wird schon vor der Festivaleröffnung am kommenden Donnerstag über das Programm geschimpft.

Berlin hat – im Vergleich mit den großen Konkurrenten Cannes und Venedig – an Boden verloren. Hollywood zieht es an die Croisette, experimentellere Ansätze und Oscar-Anwärter präsentieren sich am Lido. Die Berlinale hingegen verstand sich lange als politisches Festival. Und wollte doch mit Hochkarätern auf dem roten Teppich glänzen. Dort brillierte Festivaldirektor Dieter Kosslick als Gastgeber mit Hut und rotem Schal. Er busselt und blödelt, bezaubert mit eigentümlichem Englisch. Und bisweilen gab sich auch die Berlinale der Kosslick-Jahre politisch. Wenn Repressionen gegen Filmemacher wie den Iraner Jafar Pahani mit großer Geste angeprangert wurden zum Beispiel. Zumeist aber blieb politisches Kino eine leere Formel, der durch einzelne Anlässe und ausgewählte Events Genüge getan werden sollte.

Kosslick, geboren 1948 in Pforzheim, arbeitete sich jahrelang durch die deutsche Filmförderlandschaft. Seit 2001 leitet er die Berlinale. Beweint wird sein vertragsmäßiges Ausscheiden nach dem heurigen Festival kaum. Dabei trat er als Hoffnungsträger an. Gerade für den deutschen Film. Sein Vorgänger Moritz de Hadeln, der das Festival von 1981 an leitete, kultivierte nobles Desinteresse an deutschen Produktionen. „Kosslicks erste Aufgabe ist es, dem deutschen Film im Wettbewerb ein Forum zu verschaffen“, schrieb Michael Althen nach der Staffelübergabe 2001 in der Süddeutschen Zeitung.

Wirklich gerecht wurde Kosslick den Erwartungen nie: Er entwickelte zwar die Nebenschiene „Perspektive Deutsches Kino“. Aber Glanzlichter, etwa „Toni Erdmann“, liefen anderswo. Als auch Kosslicks Ende absehbar war, forderten deutsche Filmemacherinnen und Filmemacher größeres Gespür bei der Suche nach geeigneten Nachfolgern. Zum Abschied hat Kosslick wenigstens drei deutsche Produktionen in den Wettbewerb geladen.

Akzente setzte die Berlinale zuletzt abseits der Leinwand: Nebenschauplätze wie das kulinarische Kino, Slow-Food-Events und Ehrenpreise für humanitäres Engagement tragen Kosslicks Handschrift. Mit Gastspielen in Kiez-Kinos und knapp einer halben Million Besuchern eroberte die Berlinale die ganze Stadt: Der Cineasten-Treff wurde zum Publikumsmagneten, Menschenschlangen vor Ticket-Schaltern zum Beweis der eigenen Bedeutung. So etwas gibt es weder in Cannes noch in Venedig.

Hinter den Kulissen, aber in Gehweite zum roten Teppich baute Kosslick die Berlinale zur Branchenmesse aus. Im Scheinwerferlicht des Wettbewerbs dominierte in den letzten Jahren jedoch vor allem das Spannungsfeld von Weltmarken made in Hollywood und Weltkino: bisweilen tolle Filme, aber auch viel Vergessenswertes aus der zweiten Reihe. Der finanzielle Druck, mit Stars für Aufmerksamkeit für Sponsoren zu sorgen, ist jedoch real – will man nicht vollends den Anschluss verlieren. So finden sich auch 2019 wieder berühmte Gesichter aus der ersten Reihe auf der Gästeliste: Tilda Swinton, Christian Bale und Catherine Deneuve haben sich angekündigt. Und die Debatten der Zeit werden auch in Berlin geführt: mit Isabel Coixets „Elisa y Marcela“ läuft ein Netflix-Film im Wettbewerb – und Hochglanz-Serien widmet Kosslick schon seit fünf Jahren eine eigene Sparte.

Eine Weichenstellung hat Dieter Kosslick seinen Nachfolgern Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek schon vorweggenommen: Am Tag nach der Eröffnung und im Jahr zwei von #MeToo wird er öffentlichkeitswirksam das Bekenntnis zu Geschlechtergerechtigkeit in der Filmbranche unterzeichnen. Mit 7 von 17 Wettbewerbsfilmen ist die Berlinale hier auf einem guten Weg.