Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 07.02.2019


Kino

,,Frühes Versprechen“: Eine Mutter als Monster

Eric Barbier rekonstruiert in seiner Romanadaption „Frühes Versprechen“ die außergewöhnliche Biografie des Autors und Kriegshelden Romain Gary.

Der Held als Muttersöhnchen: Pierre Niney als Romain Gary mit Charlotte Gainsbourg als dessen besitzergreifender Mutter Nina. In Eric Barbiers Romanverfilmung „Frühes Versprechen“ lässt der französische Star die Mitspieler ziemlich blass aussehen.

© Der Held als Muttersöhnchen: Pierre Niney als Romain Gary mit Charlotte Gainsbourg als dessen besitzergreifender Mutter Nina. In Eric Barbiers Romanverfilmung „Frühes Versprechen“ lässt der französische Star die Mitspieler ziemlich blass aussehen.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Unter dem Einfluss von Alkohol und Kopfschmerzen lassen mexikanische Allerheiligen-Rituale den unbedarften Touristen an Halluzinationen oder Schlimmeres denken. Der französische Generalkonsul Romain Gary spürt einen Gehirntumor und damit den nahen Tod. Mit dem Taxi könnten er und seine Frau in fünf Stunden für die rettende Operation in der Hauptstadt sein.

Gary ist außerdem Schriftsteller, der für seinen 1956 erschienenen Roman „Die Wurzeln des Himmels“ mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet worden war. Nun – 1959 – hütet Gary in einer Mappe das Manuskript eines neuen Romans, in dem er die Geschichte seiner Mutter Nina erzählt, die dem Buben im tristen Alltag von Warschau eine großartige Zukunft in Frankreich verheißt.

„Frühes Versprechen“ erschien 1960 und wurde 1970 von Jules Dassin mit Melina Mercouri als Nina verfilmt. Mit der Billigung Garys, er schrieb das Drehbuch, wurde aus der jüdischen Schneiderin ein Stummfilmstar.

In der Neuverfilmung des Regisseurs Eric Barbier ist Nina Kacew wieder Schneiderin, die von Charlotte Gainsbourg aber mit den verschwenderischen Gesten einer Diva in den Filmen des deutschen Expressionismus gespielt wird. Nina möchte in den 1920er-Jahren in Warschau einen Pariser Modesalon etablieren, der von ihren antisemitischen Kundinnen allerdings in den Ruin getrieben wird.

Das ist der richtige Momen­t, um Polen zu verlassen. Mit dem Tafelsilber des letzten Zaren möchte sie den Neustart in Nizza finanzieren, aber in der Küstenstadt wimmelt es von russischen Migranten und ähnlichen Antiquitäten.

Mit ihrer besitzergreifenden Liebe lässt Nina ihrem Sohn kaum Luft zum Atmen, torpediert dessen Versuche auf dem Weg zu Erotik und Unabhängigkeit. Wie Charlotte Gainsbourg diese Mutter als kettenrauchendes Monster kreiert, lässt nicht viel Platz für die drei Darsteller Romans (Pawel Puchalski, Nemo Schiffman und Pierre Niney als Erwachsener) im Lauf der 30 Jahre, die Barbier rekonstruiert. Die Kacews sind zwar dem Elend, aber nicht dem Antisemitismus entkommen. Als eingebürgerter Franzose absolviert Roman eine Piloten-Ausbildung. Bevor aus ihm ein „zweiter Dreyfus“ wird, kann er zur Resistance und zur Armee von de Gaulles France libre fliehen.

Leider misstraut Barbier seinen filmischen Mitteln, wenn er immer wieder in das Taxi zurückkehrt, in dem sich Garys Frau gerührt durch den Roman weint.

Der Film endet mit der Ernennung des Fliegerhelden zum Kommandeur der Ehrenlegion. Damit beginnen aber erst die im Nachspann angedeuteten großen Abenteuer des Autors. Bei seinem Eintritt in das Außenministerium wird ihm empfohlen, seinen Namen zu ändern, aus Roman Kacew wird Romain Gary. Aber kaum ist das Spiel falscher Namen und Identitäten eröffnet, macht Gary daraus mit fünf Pseudonymen für Romane und Drehbücher eine eigene Disziplin. Den großen Coup landet er 1975 als Émile Ajar mit dem Roman „Du hast das Leben noch vor dir“, der gegen alle Regeln mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wird. Erst nach seinem Selbstmord wurden 1980 in seinem Nachlass Hinweise gefunden, die einen nationalen Skandal auslösten, schließlich darf ein Autor den Preis nur einmal entgegennehmen. Die Biografie Garys hält damit noch einige Kinostoffe bereit.