Letztes Update am Mo, 11.02.2019 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

„M – Eine Stadt sucht einen Mörder“: TV-Serie als Schauermärchen

Vor der ORF-Premiere der Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“: David Schalko und Evi Romen im Gespräch über Fritz Lang, die Bedeutung von Symbolen und ihre Zusammenarbeit.

Evi Romen und David Schalko sind die Masterminds der Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.

© ORFEvi Romen und David Schalko sind die Masterminds der Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.



Wien – Kein Film für sensible Kakteenfreunde: Ab kommenden Donnerstag zeigt ORF eins mit „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ David Schalkos und Evi Romens ebenso lustvoll-abgründige wie kluge Paraphrase auf Fritz Langs Klassiker aus dem Jahr 1931, jenen Film, in dem Peter Lorre eine Stadt in Angst und Schrecken versetzt.

Wieso „M“? Was faszinierte Sie an der Vorlage?

Evi Romen: Ich glaube, dass der Stoff sehr aktuell ist, nicht so sehr wegen des Mordfalls, sondern weil „M“ von Fritz Lang ein Gesellschaftsbild zeigt, das dem heutigen nicht ganz unähnlich ist. David Schalko: Ich habe „M“ vor ein paar Jahren noch einmal gesehen. Fritz Lang zeigt, wie eine Stadt sich vermobbt und wie die Menschen instrumentalisiert werden. Genau das ist als Vergleichsmoment zum Heute interessant, weil man das Gefühl hat, wie damals – 1931, kurz vor der Machtergreifung Hitlers – auch in einer Art Vorabend zu leben. Das war eigentlich der ausschlaggebende Grund, sich „M“ neu zu nähern.

Der junge Slim-Fit-Innenminister der Serie bezeichnet sich als „politisches Talent ohne Stimmungsschwankungen“. Bildet Ihre Serie den Verlust der Empathie als gesellschaftliches Phänomen ab?

Romen: Empathielosigkeit ist sicher ein großes Thema, vor allem wenn man bedenkt, dass das Grundgeschehen um das Verschwinden von Kindern eines der emotionalsten Themen überhaupt ist. Es ist doch erstaunlich, wie Angst instrumentalisiert und politisch verwendet werden kann. Dazu muss man auch sagen, dass uns die politischen Ereignisse eigentlich fast überholt haben. Vor vier Jahren haben wir begonnen, an der Serie zu schreibe­n, und einiges, was da abgebildet ist, wurde Realität. Schalko: Ich denke, wir leben nicht in empathielosen, sondern in hyperempathisierten Zeiten. Empathie heißt ja eigentlich Einfühlungsvermögen und nicht Mitgefühl, das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Ich glaube, Empathie erzeugt auch nicht automatisch Moral – im Gegenteil!

Auffällig an der Serie ist die große Lakonie: Die Menschen sprechen wenig und sie sprechen nicht miteinander. Ist uns die Sprache abhandengekommen?

Romen: Ja. Ich glaube nicht, dass das nur mit den digitalen Medien zu tun hat, sondern auch damit, dass wir verlernt haben, Sprache zu benutzen und Gespräche zu führen. Deshalb haben wir unseren Charakteren in den Mund gelegt, wie sie heute kommunizieren: lakonisch, manchmal zynisch wortkarg oder aneinander vorbei. Schalko: Letztendlich erzählen wir die Geschichte einer Infiltrierung. Wir leben in einer Welt voller Missverständnisse. Kommunikation war schon immer auch zur Verschleierung da. Das führt dazu, dass unter den Leuten in der Serie eine Art kollektives Misstrauen entsteht.

Sie arbeiten mit wiederkehrenden Stilelementen: Besonders eindrücklich ist der Kamerablick von oben.

Schalko: Das ist ein Zitat aus Fritz Langs Film. Die Kamera von oben dient einer psychologischen Erzählform: Sie zeigt gleichzeitig die Stadt von oben und die Perspektive von unten.

Viele Ihrer formalen Elemente erzeugen eine bedrohliche Stimmung. Was fasziniert Sie daran, diese Spuren zu legen?

Schalko: Formal ist das Ganze natürlich eine sehr starke Hommage an das Original. Es versucht, die Stilistik des deutschen Expressionismus und alle seine manierierten Details ins Heute zu übertragen. Dadurch entsteht eine entrückte Atmosphäre, die vielleicht als hyperrealistisch zu bezeichnen wäre. Unsere Serie erzählt, stilistisch in der Form eines Schauermärchens, von der Vereisung untereinander.

Sie haben von Lars Eidinger bis Udo Kier, Sophie Rois bis Sarah Viktoria Frick sehr unterschiedliche, spannende Schauspieler-Persönlichkeiten versammelt. Wie bringt man Rollenvorstellung und Besetzung unter einen Hut?

Schalko: Jeder Regisseur sucht sich gute Schauspieler aus. In der Serie finden sehr viele unterschiedliche Ästhetiken und Milieus zusammen. Viele Männerrollen im Original sind nun mit Frauen besetzt. Die großen Machtfiguren, wie etwa der Polizeipräsident, sind weiblich. Die Rolle des Unterweltkönigs, im Original Gustav Gründgens, spielt nun Sophie Rois. Das verändert natürlich die Gesamtwahrnehmung, gleichzeitig zitieren sie auch das Original.

Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen Ihnen aus? Gibt es eine kreative Arbeitsteilung?

Romen: Es gibt eine handwerkliche Arbeitsteilung. Im kreativen Prozess haben wir uns an verschiedenen Orten der Stadt getroffen, um ein Gefühl zu bekommen für eine Stadt und für die unterschiedlichen Figuren, die da herumlaufen. Bei der Erarbeitung der Charaktere und Szenen, bei einer so komplizierten Struktur, ist es dann wichtig, nicht den Faden zu verlieren. Ich hatte ein Auge auf die Struktur, die Dramaturgie, die Entwicklung der Figuren, die Verschachtelung und David das größere Auge auf den Dialogen.

Gibt es auch ein Zuviel an kreativen Ideen?

Schalko: Natürlich. Drei Kisten voll. Das Bündeln von Ideen ist das Schwierigste!

Das Gespräch führte Bernadette Lietzow