Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 13.02.2019


Kino

Ballettstar Carlos Acosta: Vorurteile gegen Kunst und Strumpfhosen

Icíar Bollaín feiert in ihrem Biopic „Yuli“ den Ballettstar Carlos Acosta, der als erster Farbiger in London den Romeo tanzen durfte.

Der kleine Carlos Acosta (Edlison Manuel Olbera Núñez) sieht sich eher als Michael Jackson denn als klassischer Tänzer.

© PolyfilmDer kleine Carlos Acosta (Edlison Manuel Olbera Núñez) sieht sich eher als Michael Jackson denn als klassischer Tänzer.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Der kleine Carlos Acosta (Edlison Manue­l Olber­a Núñez) muss sich nicht in den Schritt greifen, um als perfekter Michael Jackson durchzugehen. Aber sobald er den Moonwalk auf den Asphalt der Straßen Havannas schlenzt und nach der Königskrone greifen will, zieht ihm ein Erwachsener die Ohren lang. Das ist in der Regel sein Vater Pedro (Santiago Alfonso), der seinen Sohn nach dem afrikanischen Kriegsgott Yuli benannt hat und nicht als Mitglied einer kriminellen Straßengang sehen möchte.

Pedros Großeltern waren noch Sklaven auf den Zucker­rohrplantagen und bis zur kubanischen Revolutio­n war ihm als Farbigem der Besuch eines Kinos verwehrt. Nach der Revolution erlebt der Lkw-Fahrer Rassentrennung nur noch im Privaten, wenn etwa die Verwandten seiner weißen Ehefrau die farbigen Kinder bei Ausflügen oder Migrationsversuche­n nach Miami diskriminieren. Deshalb verfolgt er für seinen Sohn eine langfristige Fluchtstrategie. Als Tänzer jenseits der Straßenkunst soll Yuli die Welt erobern – und sei es um den Preis, den geliebten Sohn für die Freiheit opfern zu müssen.

2010 inszenierte die spanische Regisseurin Icíar Bollaín mit „Und dann der Regen“ über den Kampf der bolivianischen Bauern gegen die Privatisierung der Wasservorräte erstmals ein Skript Paul Lavertys. Seither sind sie – auch privat – ein Team. 2016 erzählten sie in „El Olivo“ von den Folgen der Finanz- und Immobilienkrise in Spanien. Mit dem kubanischen Ballettstar Carlos Acosta entdeckten sie einen Mann, den Laverty erfunden haben könnte.

Carlos, der noch nie ein Theater von innen gesehen hat, wird als Ausnahmetalent in die staatliche Ballettschule aufgenommen. Mehr als die Disziplin macht ihm die Verachtung seiner Freunde zu schaffen, da die Tradition des Machismo der klassischen Tanzkunst auch wegen der Strumpfhosen mit Vorurteilen begegnet. Die Verweigerung bestraft der Vater mit seinem Ledergürtel. Die drakonischen Erziehungsmethoden lässt Icíar Bollaín hinter verschlossenen Türen nur erahnen, während Carlos Acosta 30 Jahre später in seiner Choreografie „Yuli“ von den Schmerzen und Erniedrigungen in seiner Kindheit erzählt und dabei den Part des strafenden und liebenden Vaters übernimmt. Die drastischen Momente lösen sich in den Parallelmontagen in der abstrakten Sprache der Tanzfiguren auf, wobei Uneingeweihte mit der Emotionalität bei klassischem Tanz oder Modern Dance zur Bühnen- und Filmmusik von Alberto Iglesias vertraut gemacht werden.

Eher konventionell (Keyvin Martínez als Erwachsener) erzählt der Film die Stationen der Weltkarriere. 1990, nach einem Wettbewerb (Prix de Lausanne, 1990), wird der Kubaner von den berühmten Ballettkompanien verpflichtet, bis er als Star beim Royal Ballett in London landet und als erster Farbiger den Romeo tanzen darf. Zu Hause sammelt der Vater stolz Presse- und Programmzettel, zugleich wird der Star von Heimweh gequält. Es ist dieser Aspekt von Acostas Persönlichkeit, die Bollaín und Laverty ohne Pathos, aber doch mit großen Momenten der Rührung verzieren, wenn sich der Heimkehrer der Nachwuchsförderung widmen möchte.


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