Letztes Update am Sa, 23.02.2019 19:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Oscars 2019

91. Oscar-Verleihung: Zurück in die Zukunft

In der Nacht auf Montag werden in Los Angeles die Oscars vergeben. Die bereits angekündigte Reform der Gala, die diesmal keinen Gastgeber hat, blieb aus. Aber überschätzen sollte man die Bedeutung der Show sowieso nicht.

Noch wird das Dolby Theatre am legendären Hollywood Boulevard in Los Angeles für die heurige Oscar-Verleihung dekoriert.

© imagoNoch wird das Dolby Theatre am legendären Hollywood Boulevard in Los Angeles für die heurige Oscar-Verleihung dekoriert.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Man sollte die langfristige Bedeutung der Oscars nicht überschätzen. Ellen DeGeneres, die 2014 als Host durch die Preisverleihung führte, fand dafür – ohne es wirklich zu wollen – ein ziemlich perfektes Sinnbild: das Selfie. Die Oscars sind ein alljährliches Selfie der US-amerikanischen Filmbranche. Sie bilden ab, was die Unterhaltungsindustrie umtreibt. Und das ist von bisweilen geringer Halbwertszeit. Auch das zeigt der Blick auf 2014. Damals machte DeGe­neres ein Selfie mit gut gelaunten Superstars, das im Internet für viel Aufsehen sorgte. Nachstellen könnte man das Bild einer Festgesellschaft in Feierlaune heute nicht mehr: Zwischen Julia Roberts und Brad Pitt steht Kevin Spacey.

Seit 2017 Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe gegen Spacey laut wurden, steht der 59-Jährige wie sonst nur Harvey Weinstein für die dunkle Seite der Traumfabrik.

Im Zuge von #MeToo und der „Time’s Up“-Bewegung wurden die Oscars im Vorjahr zur Bühne des Zorns über die Versäumnisse der Filmindustrie in Sachen Geschlechtergerechtigkeit. Die Academy, die das Ungleichgewicht der ganzen Branche abbildet, gelobte Besserung. Kurzfristige Effekte blieben aus: 2019 fehlen Frauen in der Konkurrenz um Regie-Oscar und besten Film. Obwohl sich etwa Debra Granik für „Leave No Trace“ eine Nominierung verdient hätte.

Dafür scheint Hollywoods aufsehenerregendste Preisverleihung das Problem fehlender Vielfalt in den Griff gekriegt zu haben: Mit Alfonso Cuarón, Spike Lee, Yorgos Lanthimos und Pawel Pawlikowski haben ein Mexikaner, ein Afroamerikaner, ein Grieche und ein Pole Chancen auf die Auszeichnung als bester Regisseur. Und „Black Panther“ – ein vom Afroamerikaner Ryan Coogler inszenierter Superhelden-Blockbuster – könnte sogar zum besten Film des Jahres gekürt werden.

Der kommerzielle Erfolg von „Black Panther“ – globales Einspielergebnis: 1,3 Milliarden US-Dollar – wurde von den Oscar-Organisatoren auch angeführt, als es im August 2018 galt, eine Schnapsidee zu begründen: Künftig solle es eine Kategorie für den besten populären Film geben, kündigte die Academy an. Die Entrüstung war groß. Wenig überraschend: Schließlich wird das Populäre bereits an der Kinokasse belohnt. Die Neuerung wurde – vorerst – aufgeschoben. Im Hintergrund der Reformbemühungen steht der Umstand, dass die TV-Übertragung der Oscar-Verleihung zuletzt massiv an Zugkraft verloren hat. In den USA schalteten im Vorjahr gerade einmal 26,5 Millionen Menschen ein. Zum Vergleich: 2000 wurden noch mehr als 46 Millionen Zuseher gezählt. Weniger Zuschauer bedeuten sinkende Relevanz und letztlich geringere (Werb­e-)Einnahmen. Daher sollte die Preis­gala 2019 TV-tauglicher, sprich kürzer werden. Eine Maßnahme: Ausgewählte Kategorien sollten in den Werbepausen bepreist werden. Erneut liefen Filmschaffende Sturm. Erneut lenkte die Akademie ein. Zuletzt kündigte Oscar-Produzentin Donna Gigliotti in der New York Times eine „klassische Show“ an. Das selbstgesteckte Ziel, alle Preise binnen drei Stunden zu vergeben, werde sich daher nicht erreichen lassen.

Obwohl ein mitunter unterhaltsamer Zeitfresser fehlt: 2019 wird es wie 1989 keinen Oscar-Host geben. Vor 30 Jahren geriet das Experiment zum Desaster. Heuer habe man einen Plan, sagt Gigliott­i. Dieser, so viel steht fest, sieht mit einem Auftritt der Rockband Queen einen rein musikalischen Auftakt vor.

Preisrennen ohne großen Favoriten

„Roma“, „Green Book“ oder doch „A Star Is Born“? Die Wahl der diesjährigen Oscar-Gewinner ist bereits gelaufen. Bis Dienstag mussten die Stimmzettel der rund 8000 Mitglieder der Academy Of Motion Pictures Arts and Sciences abgegeben werden. Seither wird von Mitarbeitern der Prüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers ausgezählt.

Vor allem das Wahlverfahren für den besten Film ist kompliziert. Auf ihrem Stimmzettel reihen alle Academy-Mitglieder die nominierten Filme nach Präferenz. Schafft es ein Film bei mehr als 50 Prozent der Wahlberechtigten auf den ersten Platz, hat er gewonnen. Das ist allerdings sehr unwahrscheinlich. In einem zweiten Schritt wird der Film mit den wenigsten ersten Plätzen gestrichen. Die jeweils zweitgereihten Kandidaten rücken auf. Dann „fliegt“ erneut der Film mit den wenigsten ersten Plätzen. So werden alle Anwärter nach und nach eliminiert, bis ein Sieger übrig bleibt.

Der Netflix-Film „Roma“ könnte 2019 Filmgeschichte schreiben: Erstmals würde ein vornehmlich via Streaming vertriebener Film den Hauptpreis gewinnen. Sollte das Alfonso Cuaróns spanischsprachiges Schwarz-Weiß-Drama als bester Film und mit dem Auslandsoscar ausgezeichnet werden, wäre auch das ein Novum.

Die Tiroler Tageszeitung Online berichtet in der Nacht auf Montag im TT.com-Live-Blog über die Verleihung.

Die Nominierungen in den wichtigsten Kategorien im Überblick

Bester Film. „A Star Is Born“; „BlacKkKlansman“; „Black Panther“; „Bohemian Rhapsody“; „The Favourite“; „Green Book“; „Roma“; „Vice“.

Beste Regie. Alfonso Cuarón („Roma“); Spike Lee („BlacKkKlansman“); Adam McKay („Vice“); Pawel Pawlikowski („Cold War“); Yorgos Lanthimos („The Favourite“).

Bestes Original-Drehbuch. „The Favourite“; „First Reformed“; „Green Book“; „Roma“; „Vice“;

Bestes adaptiertes Drehbuch. „The Ballad of Buster Scruggs“; „BlacKkKlansman“; „Can You Ever Forgive Me?“; „If Beale Street Could Talk“; „A Star Is Born“.

Bester fremdsprachiger Film. „Werk ohne Autor“ (Deutschland); „Roma“ (Mexiko); „Cold War“ (Polen); „Capernaum“ (Libanon); „Shoplifters“ (Japan).

Beste Hauptdarstellerin. Glenn Close („Die Frau des Nobelpreisträgers“); Lady Gaga („A Star Is Born“); Melissa McCarthy („Can You Ever Forgive Me?“); Olivia Colman („The Favourite“); Yalitza Aparicio („Roma“).

Bester Hauptdarsteller. Christia­n Bale („Vice“); Bradley Cooper („A Star Is Born“); Willem Dafoe („At Eternity’s Gate“); Rami Malek („Bohemian Rhapsody“); Viggo Mortensen („Green Book“).

Beste Nebendarstellerin. Amy Adams („Vice“); Regina King („If Beale Street Could Talk“); Emma Stone („The Favourite“); Rachel Weisz („The Favourite“); Marina de Tavira („Roma“).

Beste Nebendarsteller. Mahershal­a Ali („Green Book“); Adam Driver („BlacKkKlansman“); Richard E. Grant („Can You Ever Forgive Me?“); Sam Elliott („A Star Is Born“); Sam Rockwell („Vice“).

Bester Schnitt. Barry Alexandre Brown („BlacKkKlansman“); John Ottman („Bohemian Rhapsody“); Yorgos Mavropsaridis („The Favourite“); Patrick J. Don Vito („Green Book“); Hank Corwin („Vice“).

Beste Kamera. Lukas Zal („Cold War“); Robbie Ryan („The Favourit­e“); Caleb Deschanel („Werk ohne Autor“); Alfonso Cuarón („Roma“); Matthew Libatique („A Star Is Born“).

Beste Filmmusik. Ludwig Göransson („Black Panther“); Terence Blanchard („BlacKkKlansman“); Nicholas Britell („If Beale Street Could Talk“); Alexandre Desplant („Isle of Dogs“); Marc Shaiman („Mary Poppins’ Rückkehr“).

Bester Dokumentarfilm. „Free Solo“; „Hale Country This Morning, This Evening“; „Minding the Gap“; „Of Fathers and Sons“; „RGB – Ein Leben für die Gerechtigkeit“.