Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 08.03.2019


Film und TV

“Die Berufung“: Die einzige Frau unter Männern

Mimi Leder erzählt in „Die Berufung“, wie Ruth Bader Ginsburg zur Ikone des liberalen Amerikas wurde.

In ihrem ersten großen Prozess kämpft die Anwältin Ruth Bader Ginsburg (Felicity Jones) gegen die Diskriminierung eines Mannes.

© eOne GermanyIn ihrem ersten großen Prozess kämpft die Anwältin Ruth Bader Ginsburg (Felicity Jones) gegen die Diskriminierung eines Mannes.



Innsbruck – Ruth Bader Ginsburg ist im doppelten Sinn eine lebende Legende. Als sie 1993 auf Lebenszeit zur Richterin am Supreme Court bestellt wurde, hatte sie bereits eine schillernde Karriere als Anwältin hinter sich. Da die höchste Form des Ruhms derzeit wohl in einem Sketch in der US-Satiresendung „Saturday Night Live“ sichtbar wird, ist sie die richtige Gegenspielerin, wenn etwa Alec Baldwin Präsident Trump parodiert, dessen Sauseschritt in eine reaktionäre Vergangenheit sie aufzuhalten versucht.

Die 85-Jährige weigert sich, in Pension zu gehen oder gar zu sterben, denn die Lesart von Gesetzen hängt vom jeweiligen „Klima der Ära“ ab, die Politiker hervorbringt, die das Recht als Hund betrachten, den sie an der Leine äußerln führen können. Ginsburgs Akt des Widerstands würdigte 2018 der Dokumentarfilm „RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit“. Regisseurin Mimi Leder erzählt nun in „Die Berufung“ (ab heute im Kino), wie aus einer biederen Studentin die Ikone der US- Rechtsprechung wurde.

In Zeitlupe kämpft sich Ginsburg (Felicity Jones) als einziger Farbtupfer durch eine dunkle Masse aus Herren in schwarzen Anzügen. Sie ist mit Marty (Armie Hammer), der sich im zweiten Studienjahr befindet, verheiratet, Mutter einer Tochter und – 1956 – die neunte Frau, die für das Studium an der Harvard Law School zugelassen wird. Ihre Motive, in die hermetische Männerdomäne einzudringen, bestätigen erst einmal die Vorurteile. Ginsburg hat sich für die Rechtswissenschaft entschieden, um „die Arbeit ihres Mannes zu verstehen“. Marty spezialisiert sich auf Steuerrecht und wird bald zu einem hochbezahlten Partner einer prominenten New Yorker Kanzlei. In seiner Frau sehen die Anwälte nur die „Mutter und Jüdin“ und damit eine Sekretärin.

Solche Erfahrungen machen aus der Juristin eine Spezialistin für Diskriminierung. Allerdings ist in einem patriarchalen System Vorsicht geboten. Der entscheidende Fluchtweg aus der Sackgasse der Unterdrückung findet sich in einem Steuerakt.

Charles Moritz (Chris Mulkey) hat Pflegekosten für seine alte Mutter beim Finanzamt geltend gemacht, was aber nur bei Frauen oder verheirateten Männern anerkannt wird. Das absurde Gesetz orientiert sich am Idealbild der Familie und schreibt so eine Geschlechterdiskrimierung fest. Ginsburgs Kalkül, dass alte weiße Männer als Richter die Diskriminierung eines Mannes leichter erkennen, wird zum Schlüssel, mit dem sich alle Diskriminierungsgesetze aufsperren lassen.

Manches Mal kommen Film und Ginsburg freilich ins Flunkern. Wenn ein Richter Frauen die verfassungsmäßigen Rechte abspricht, weil in der Verfassung keine Frau erwähnt werde, keilt die Anwältin zurück: Auch die Freiheit komme nicht vor. Tatsächlich wird in der Präambel „das Glück der Freiheit“ beschworen. Das ist dann die Freiheit Hollywoods. (p. a.)


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