Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 11.03.2019


Kino

“Mid90s“: Ein Backflip in die sonnigen 90er-Jahre

Jonah Hills Regiedebüt „Mid90s“ taucht in die Skate-Culture ein und erzählt zugleich vom Ende der Kindheit.

Stevie (Sunny Suljic) ist auf der Suche nach einer „inneren“ Heimat und findet diese in einer Skateboard-Gang in einem Vorort von L.A.

© PolyfilmStevie (Sunny Suljic) ist auf der Suche nach einer „inneren“ Heimat und findet diese in einer Skateboard-Gang in einem Vorort von L.A.



Wien – Ewachsenwerden ist unvermeidlich und der Weg dorthin wird oftmals erst im Rückblick klar. So ist es auch bei Jonah Hills Regiedebüt „Mid90s“ und seiner Hauptfigur Stevie. Der 13-Jährige ist auf der Suche nach einer „inneren“ Heimat und findet diese – wie so viele Jugendliche in den Neunzigern – inmitten einer Skateboard-Gang in den Vororten der amerikanischen Metropole Los Angeles.

Hills filmischer Ausflug in seine eigene Jugendzeit funktioniert dabei wie eine 85-minütige Zeitkapsel. In teilweise hypnotischen 16mm-Bildern erzählt er von einem Sommer, in dem der 13-jährige Stevie in älteren Skateboardern Vorbilder sucht. Aus unterschiedlichen Backgrounds kommend geben sich die Jungs neue Namen wie „Fuckshit“ oder „Fourth Grade“ – Letzterer ist quasi als Alter Ego des Regisseurs mit einer Videokamera unterwegs. Stevie erhält den Spitznamen „Sunburn“ und besteht eine Mutprobe mit einem gefährlichen Skate-Trick. Der Anführer der Truppe, Ray (Profiskater und Rapper Na-kel Smith), stellt für den Jungen eine Art Vaterersatz dar, denn auch Stevie musste ohne einen Vater aufwachsen. Seiner Mutter (Katherine Waterston) hingegen bleibt nichts anderes übrig, als ihrem Sohn dabei zuzusehen, wie er sich langsam von ihr entfernt.

Der 13-jährige Stevie bleibt die ganze Zeit hindurch das Herz des Films. Jung-Darsteller Sunny Suljic trägt nach einer Nebenrolle in Yorgos Lanthimos’ „The Killing of a Sacred Deer“ diesmal einen ungleich liebevolleren Film innerhalb eines spannend gecasteten Ensembles.

Die nostalgische Auseinandersetzung mit den Neunzigerjahren ist im Kino schon seit geraumer Zeit ein großes Thema. Dieser Tage muss auch Superheldin „Captain Marvel“ dort die Welt retten. Der Film „Mid90s“ wählt hingegen den authentischen Weg jenseits der verklärten Nostalgie und wurde deshalb offenbar sogar bei einer Testvorführung für einen echten „Klassiker“ aus den Neunzigern gehalten.

Regisseur Jonah Hill begibt sich mit seinem Film zurück in den aus der eigenen Jugend bekannten Skateboard-Shop, der auch das Zentrum seiner Coming-of-Age-Story ist. Dabei beherrscht er das Spiel mit lebendiger Nähe und der Distanz der Erinnerung perfekt und das, obwohl er bisher nur als Schauspieler brillierte: Für „Moneyball“ und Martin Scorseses „Wolf of Wall Street“ war er bislang für den Oscar nominiert. Den Wunsch, Regisseur zu werden, hegte er jedoch schon länger. Sein sehenswertes Debüt „Mid90s“ jedenfalls kann als eine persönliche Liebeserklärung an die 90er-Jahre und an die Subkultur des Skateboardens verstanden werden.

Passend also, dass der Sport ab 2020 nun auch eine olympische Disziplin wird, ganz ohne Nostalgie. (maw)




Kommentieren


Schlagworte


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Ein Familie im Klassenkampf: „Wir“ von Jordan Peele.Kino
Kino

Horrorfilm „Wir“ erobert Spitze von Nordamerikas Kinocharts

Schon Jordan Peeles erster Horrorfilm „Get Out“ war ein Riesenerfolg, jetzt ist der Nachfolger „Wir“ auch höchst erfolgreich angelaufen. Da musste sogar eine ...

kino
Tausende Männer und Frauen gingen nach dem Bekanntwerden der Tat auf die Straße. Sie forderten die Todesstrafe für die Vergewaltiger.TV-Serie
TV-Serie

„Delhi Crime“: Netflix-Serie über tödliche Vergewaltigung in Indien

Eine 23 Jahre alte Studentin wird 2012 in Neu-Delhi auf brutalste Art und Weise von sechs Männern vergewaltigt. Kurz darauf erliegt sie ihren Verletzungen. D ...

kino
Elizabeth T. Spira starb am 9. März im Alter von 70 Jahren.TV
TV

Neue „Liebesg‘schichten“-Staffel im Sommer im ORF, Zukunft offen

Der Sender will nach dem Tod von Elizabeth T. Spira „mit vereinten Kräften“ die bereits begonnenen Arbeiten abschließen. Eine Entscheidung über die weitere V ...

Manchmal trügt der Schein: Emilia Clarke und Kit Harington hatten harte Zeiten zu überstehen.Film und TV
Film und TV

Die geheimen Kämpfe der Stars von „Game of Thrones“

Heute in drei Wochen beginnt die letzte Staffel von „Game of Thrones“. Zwei Hauptdarsteller blicken schon jetzt zurück – auf oft schwierige Zeiten.

Wahnsinn in den Augen, Schuldgefühle als Antrieb: Nicole Kidman als Polizistin Erin Bell.Film und TV
Film und TV

“Destroyer“: Schmerzen, Schuld und Sühne

Nicole Kidman brilliert unter einer Maske verborgen in Karyn Kusamas Thriller „Destroyer“.

Weitere Artikel aus der Kategorie »