Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 17.03.2019


Interview

Xavier Giannoli: „Würde mich als ewigen Zweifler bezeichnen“

Blut am Fotoapparat: Im aktuellen Kinofilm „Die Erscheinung“ recherchiert ein Journalist rund um angebliche Marienerscheinungen. Regisseur Xavier Giannoli stand der TT Rede und Antwort.

Xavier Giannoli (r.) ist Regisseur des Films „Die Erscheinung“, in dem Darsteller Vincent Lindon im Auftrag des Vatikans recherchiert.

© AFPXavier Giannoli (r.) ist Regisseur des Films „Die Erscheinung“, in dem Darsteller Vincent Lindon im Auftrag des Vatikans recherchiert.



München — Eines Tages erhält er einen unerwarteten Anruf: „Kommen Sie bitte so schnell wie möglich in den Vatikan. Wir möchten dringend mit Ihnen sprechen!" Dieser Anruf wird das Leben des Journalisten Jacques Mayano (gespielt von Frankreichs Top-Star Vincent Lindon) grundlegend verändern. Für den mehrfach ausgezeichneten Regisseur und Autor Xavier Giannoli (Goldene Palme in Cannes, César) ist besagtes Telefonat der Einstieg in seinen neuesten Film „Die Erscheinung".

In Ihrer Geschichte geht es um eine Marienerscheinung im Südosten Frankreichs. Die 18-jährige Anna behauptet, ihr sei dort die Mutter Gottes erschienen und habe ihr eine wichtige Botschaft mitgegeben. Beruht das Ganze auf Tatsachen?

Xavier Giannoli: Ja, aber es ist nicht in Frankreich geschehen, sondern im früheren Jugoslawien, drei Mädchen und zwei Jünglinge waren beteiligt. Ich hatte davon gelesen, wusste aber nicht, was ich davon halten sollte. Letztendlich aber war es nicht die Erscheinung selbst, die mich interessierte und faszinierte.

Sondern?

Giannoli: Es waren die mysteriösen kanonischen Untersuchungsausschüsse, von denen kaum jemand weiß. Die Kirche hat sie ins Leben gerufen, um übernatürliche Sachverhalte wie Wunderheilungen oder Erscheinungen zu klären. Da ist die Kirche heutzutage sehr gewissenhaft, man möchte auf keinerlei Scharlatanerie hereinfallen. Einem solchen Ausschuss gehören nicht nur Geistliche an, sondern Menschen aus verschiedensten Berufen wie Ärzte oder Historiker. Bei mir sind es eben ein Journalist, ein Beauftragter der Polizei, eine Psychologin. Über diese Ausschüsse, das war mitentscheidend für mich, hat es nie zuvor einen Film gegeben.

Warum ist bei Ihnen just ein Journalist Leiter des Ausschusses?

Giannoli: Mein Vater war Journalist, und ich wollte an die Geschichte mit den Augen eines Journalisten rangehen, eines Mannes, der weder Frömmler noch zynischer Atheist ist, sondern simpel und einfach ein denkender Mensch, der wissen möchte, was wahr ist und was nicht.

Sie haben, könnte man sagen, auf Ihrer Suche nach Glauben, Wunder und Wahrheit fast die Form eines Thrillers gewählt. Sind Sie eigentlich gläubig?

Giannoli: Ich gehe nicht regelmäßig in die Kirche. Doch die Religionsfrage hat mich immer interessiert. Irgendetwas, denke ich, muss da sein, und ich glaube sehr wohl an die humanitäre Botschaft des Christentums. Zur Institution der Kirche halte ich jedoch Distanz. Sagen wir so: Ich würde mich als ewigen Zweifler bezeichnen, und als Filmemacher sollte man unbedingt ein Zweifler sein. Damit ich es generell schaffe, einen Film zu beginnen, muss ich mir zuallererst sagen können: Niemand wird daran glauben. Zunächst.

Der Jude Franz Werfel hat als eine Art Vorwort zu seinem 1941 erschienenen Roman „Das Lied von Bernadette", der übrigens sein erfolgreichster wurde, geschrieben: „Für den, der daran glaubt, ist keine Erklärung nötig. Für den, der nicht glaubt, ist keine Erklärung möglich." Was halten Sie davon?

Giannoli: Dieses Zitat habe ich nicht gekannt. Aber es gefällt mir. Danke. Vielleicht werde ich es bei den Verbeugungstourneen für meinen Film verwenden. Ich habe für „Die Erscheinung" natürlich auch mit Priestern gesprochen, darunter mit einem am Set im französischen Gap. Ich hatte ihm das Drehbuch zu lesen gegeben und ihn danach gefragt: „Haben Sie weniger Angst vor dem Tod, weil Sie an das ewige Leben glauben?"

Er dachte kurz nach, dann antwortete er: „Im Moment, wo ich meine Augen schließen werde, werde ich mir zunächst sagen: Ich hoffe, dass ich mich nicht getäuscht habe!" Diese Worte aus dem Mund eines Geistlichen haben mich sehr beeindruckt. „Ich weiß nicht", das lasse ich auch meinen Journalisten ziemlich am Schluss sagen, als ihn Anna fragt: „Glaubst du mir?" Es ist für mich der wichtigste Satz im ganzen Film.

International wurde Ihnen bescheinigt, dass „Die Erscheinung" ein „kleines Wunder" ist, weil er „ohne Bekenntnisse und Beichte, ohne mystisches Raunen oder esoterisches Rauschen auskommt. Die Gottessuche der einen und Wahrheitssuche der anderen vollzieht sich nüchtern im Hier und Jetzt." Sie zeigen etwa die Marienerscheinung nie bildlich. Sie bieten auch keine Lösung, keine Antworten an.

Giannoli: Weil ich keine Antworten weiß. Mysterium bleibt Mysterium, ein Mysterium hat auch eine gewisse Schönheit. Filme sind ebenfalls oft ein Mysterium. Es gibt Dinge, die wir sehen können — aber auch solche, die wir nicht sehen können. Um das zu erklären: In Filmen wird ein Haus gezeigt, und es ist und bleibt ein Haus.

Dann kommt ein Regisseur wie Andrei Tarkowski, der uns ein Haus zeigt, und auf geheimnisvolle Weise wird es auf einmal mehr als nur ein solches. Ein poetischer Ort, in dem es um Geschichte und Gefühle geht, um Dinge, die wir nicht sehen können. Der Realität wird eine eigene Dimension hinzugefügt, und das ist es, was auch ich in meinen Filmen versuche. Es gibt, davon bin ich überzeugt, so was wie das poetische Geheimnis einer Kamera. In einer Zeit, in der wir einem Überfluss an Bildern ausgesetzt sind, möchte ich zeigen, dass auch ein einzelnes Bild — wie die Ikone in „Die Erscheinung" — wichtig sein und Tiefe haben kann.

Stück um Stück eröffnet sich im Realen eine zusätzliche Dimension. Der Journalist Jacques hat einen Computer und ein Telefon, das Mädchen Anna hat einen Computer und hört auf ihrem iPhone Musik, doch im Inneren stellen sich beide die Frage: Können wir an Gott glauben?

Für die ungemein schwierige Rolle der Anna mussten Sie eine außergewöhnliche junge Darstellerin finden. Das ist Ihnen gelungen. Wie kamen Sie zu Galatéa Bellugi?

Giannoli: Durch meinen Casting-Direktor. Gleich in der ersten Woche schickte er mir ein Foto dieses Mädchens. Er hatte sie bereits vorher gekannt, und so, wie er sie beschrieb, schien er sich sicher, dass nur sie diese Rolle spielen konnte. Trotzdem schaute ich mir innerhalb von sechs Monaten gut tausend Mädchen an, doch ich kam immer wieder auf Galatéa zurück. Offensichtlich konnte ich mich ihr nicht entziehen. Sie spielte nicht nur eine Rolle, sondern sie wurde Anna und hatte immer auch ein gewisses Mysterium um sich. Eigentlich weiß ich bis heute nichts über sie.

Haben Sie schon Neues in Vorbereitung?

Giannoli: Ein ehrgeiziges Projekt, nämlich Balzacs Roman und Zeitdokument „Verlorene Illusionen". Ich hoffe inständig, dass ich das Geld zusammenkriege.

Das Interview führte Ludwig Heinrich

Die 18-jährige Anna (Galatea Bellugi) behauptet, dass ihr die Jungfrau Maria erschienen ist.
Die 18-jährige Anna (Galatea Bellugi) behauptet, dass ihr die Jungfrau Maria erschienen ist.
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