Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 16.03.2019


Film und TV

Die Sisters in der Sinnkrise

John C. Reilly und Joaquin Phoenix zieht in Jacques Audiards „The Sisters Brothers“ als ungleiches und ziemlich geschwätziges Brüderpaar in den Westen.

Im Herbst 2018 wurde der Western „The Sisters Brothers“ bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet.

© PolyfilmIm Herbst 2018 wurde der Western „The Sisters Brothers“ bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Im Westen nichts Neues, könnten Liebhaber des Genres beklagen. Doch ab und an taucht am Horizont doch ein echter Westernfilm auf. „The Sisters Brothers“ von Jacques Audiard ist weder überkandidelte Parodie à la Quentin Tarantino noch hoffnungsloser Abgesang auf die Freiheit der amerikanischen Weiten. Der Franzose Audiard beweist ein erstaunliches Gespür für die Lebenswelt seiner berittenen Ganoven und wurde dafür im vergangenen Herbst beim Venedig Filmfestival mit dem Silbernen Regie-Löwen ausgezeichnet.

Er legt die komödiantischen Töne seiner Geschicht­e an der Grenze zwischen Genre-Konventionen und Gunman-Alltag im Jahr 1851 an. Denn schließlich wird im Westen auch gegessen und geschlafen und nicht nur getrunken und geschossen. Was die Psychologie betrifft, erinnert der Film an Robert Altmans „McCab­e & Mrs. Miller“ von 1971, der jedoch mit ungleich kühlerer Farb­palette ein ungewohntes Bild der amerikanischen Gründerzeit zeichnete.

„Mich hat dieses starke Thema Bruderschaft fasziniert, ein sehr verbreitetes Motiv im Western, das verkettet ist mit der Gewalt der Vorfahren und wie man die bewältigen kann“, meint Regisseur Audiar­d. „Schnell kam uns die Idee, die Geschichte in Richtung makabres Märchen zu erzählen. Zwei im Wald verlorene Kinder, die irgendwie ihren Weg suchen. ,The Sisters Brothers‘ ist ein leiser Western.“

Für Westernhelden sind die titelgebenden Sisters-Brüder in ihrer Sinnkrise erstaunlich gesprächig. Die Chemie zwischen John C. Reilly und Joaquin Phoenix als Eli und Charlie Sisters changiert dabei von freundschaftlicher Familienbande zu Hasslieb­e. Die beiden sind immerhin auch Geschäftspartner im Kopfgeldjäger-Business. Im Auftrag des Commodore (Rutge­r Hauer) sind sie auf der Jagd nach dem jungen verträumten Chemiker Hermann Kermi­t Warm (Riz Ahmed) und seiner Gold-Formel. Und dann ist da noch der schlaue Detektiv John Morris (Jake Gyllenhaal), der ihnen auf der Spur des Chemikers immer einen Schritt voraus ist und bald eigene Pläne verfolgt.

Schon die Anlage von „The Sisters Brothers“ ist Western, wie er klassischer kaum sein kann: „Go West!“ Eli und Charlie ziehen gen Westen, von Oregon nach Kalifornien. Jeder von ihnen verkörpert seine eigene Version des amerikanischen Traums: Business und Fun. Während der sanfte Eli aus dem harten Killer-Geschäft aussteigen will, hat sein kleiner temperamentvoller Bruder Charlie nur den Whiskey im Kopf. Ihm macht das Töten Spaß, schon seit er einst den gewalttätigen Vater der beiden umbrachte, dessen Jähzorn er geerbt hat.

Sein Bruder verhindert oft Schlimmeres. Der andauernde Bruder-Zwist ist eines der Highlights des Films. Besonders der ewige meisterhafte Nebendarsteller John C. Reilly brilliert hier als Sympathieträger. Er hat als Produzent für die Verfilmung des 2011 für den Booker Priz­e nominierten Romans von Patrick deWitt einen Regisseur gesucht und in Jacques Audiard („Der Geschmack von Rost und Knochen“, „Ein Prophet“, „Dheepan“) gefunden. Zur genialen Musik von Alexandre Desplat brechen Audiard und sein Team genüsslich das Bild der harten Western-Jungs. Die Gewalt als eine Essenz des Genres wird durchaus kritisch ausgestellt. Und immer wieder bricht die herannahende Zivilisation in die Wildnis der Männer herein, etwa im Form einer Zahnbürste, die Eli als neueste Hygiene-Errungenschaft entdeckt. Oder im pulsierenden San Francisco mit dem Symbol der modernen Gesellschaft schlechthin: die Toilette mit Spülung. Doch noch hat die Wildnis mit ihrer Gewalt die Oberhand und die Utopie einer gerechten demokratischen Gesellschaft, die Hermann Kermit Warm mit seiner Goldformel schaffen will, bleibt eben das: eine Utopie im Westen.


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