Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 04.04.2019


Kino

Die Beschwörung des alten Frankreichs

In der Fortsetzung seines Blockbusters „Monsieur Claude und seine Töchter“ beschwört Philippe de Chauveron das Frankreich der Patrioten.

Claude (Christian Clavier) und Marie (Chantal Lauby) blicken in eine ungewisse Zukunft und auf einen „gefährlichen“ afghanischen Flüchtling.

© FilmladenClaude (Christian Clavier) und Marie (Chantal Lauby) blicken in eine ungewisse Zukunft und auf einen „gefährlichen“ afghanischen Flüchtling.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Als Zeichen des guten Willens brechen Claude Verneuil (Christian Clavier) und seine Frau Marie (Chantal Lauby) zu einer Weltreise auf, um Familien und Herkunftsländer ihrer Schwiegersöhne zu besuchen. Vielleicht hilft eine Besichtigung der fremden Kultur bei der Überwindung ihrer Vorurteile. Doch in Peking verhindert Smog den Blick auf Attraktionen, in Jerusalem macht ihnen die Hitze zu schaffen, Algerien ist noch nicht reif für den Tourismus, über die Elfenbeinküste will Monsieur Claude erst gar nicht reden.

Mit rassistischen Tiraden gegen Chinesen, Afrikaner, Juden und Araber spielt­e Philipp­e de Chauverons „Monsieur Claude und sein­e Töchter“ 2014 allein in Frankreich 100 Millionen Eur­o ein, eine ähnliche Summe deponierten die Kinogeher im restliche­n Europa an den Kassen. Nur in den skandinavischen Ländern wollte das Feuerwerk aus bürgerlicher Bösartigkeit und vermeintlichem Tabubruch („Ich bin kein Rassist, aber das wird man doch wohl sagen dürfen!“) nicht zünden. Das hätte man auch damals dürfen, doch in sozialen Medien, in Postings und an den Stammtischen wird mittlerweile einer Meinungsfreiheit gefrönt, die den Provinz­bourgeois ganz schön alt aussehen lässt, und irgendwann muss es auch de Chauvero­n gedämmert sein, dass provokante Dialoge angesichts der Statements von Präsidenten und Ministern nur über eine begrenzte Haltbarkeitsdauer verfügen. Daher hat er sich visuelle Gags ausgedacht, die mehr als Wort­e sagen. Als sich etwa der afghanische Flüchtling, der bei den Verneuils die Gartenarbeit erledigt, gegen seine Schmerzen einen Rücken­gürtel umlegt, befürchtet Claud­e einen Sprengstoffanschlag und schmettert dem Mann die Schaufel ins Gesicht.

„Was haben wir dem lieben Gott schon wieder getan?“, sagt, den Atem des Originals aufnehmend, die frömmelnd­e Marie. Kaum haben sich die Schwiegersöhne die Suada über die Reiseerfahrungen angehört, verkünden sie ihren Plan, Frankreich zu verlassen. Dabei haben doch alle Macron gewählt, können sich sogar bei Feindbildern einigen, da Gewerkschaften und die Behinderungen des freien Unternehmertums den Fortschritt lähmen.

Der Banker Chao (Frédéric Chau) hat Angst vor Übergriffen und sich daher der chinesischen Kampfkunst zugewandt. Er sieht seine Zukunft in Peking. David (Ary Abittan) fühlt sich trotz des Studiums von Trumps Leitfaden „Gib niemals auf!“ als Unternehmer alleingelassen und wird sein Glück in Israel suchen. Der Anwalt Rachid (Medi Sadoun) ist der verschleierten Frauen in seiner Kanzlei überdrüssig und möchte sich in Algerien verbessern. Charles (Noom Diawara) bekommt als Schauspieler nur Rollen als Gangster angeboten. Er hofft, „in Bollywood der erste schwarze Star“ zu werden. Dem kann Claude als Patriot und Beschützer seiner Familie unter Einsatz seines Vermögens nur eine große Inszenierung von Frankreich entgegensetzen. Sechs Millionen Franzosen waren bisher davon angetan.

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Vor fünf Jahren kämpften die Töchter von Monsieur Claude mutig für ihre multikulturellen Ehepartner. In der Fortsetzung haben sie nicht mehr viel zu sagen und wollen ihren Männern in deren Herkunftsländer folgen.
Vor fünf Jahren kämpften die Töchter von Monsieur Claude mutig für ihre multikulturellen Ehepartner. In der Fortsetzung haben sie nicht mehr viel zu sagen und wollen ihren Männern in deren Herkunftsländer folgen.
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