Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 07.04.2019


Interview

Christian Clavier: „Ich glaube, das Leben ist eher eine Tragödie“

In „Monsieur Claude und seine Töchter“ musste Christian Clavier allerhand über sich ergehen lassen. Kann es noch ärger kommen? Es kann. Derzeit in unseren Kinos zu erleben. Im zweiten Teil erlebt Monsieur Claude weitere saftige Überraschungen.

Christian Clavier konnte sich wieder in die Rolle des Monsieur Claude hineinfallen lassen und so richtig "matschkern".

© AFPChristian Clavier konnte sich wieder in die Rolle des Monsieur Claude hineinfallen lassen und so richtig "matschkern".



Sogar in Österreich haben weit über 400.000 Zuschauer den ersten Film gesehen. Im Ursprungsland Frankreich purzelten Rekorde, in Deutschland ebenso. Somit war ein zweiter Teil wohl unvermeidlich?

Christian Clavier: Wir alle sind durch den ersten Teil eine echte Familie geworden, vor allem zu meiner Film-Ehefrau Chantal Lauby hatte ich engen Kontakt. Nachdem die Besucherzahlen überall so hoch waren, drängte sich eine Fortsetzung faktisch auf, und wir alle warteten schon ungeduldig auf das Drehbuch unseres Regisseurs Philippe de Chauveron. Bei unserem Weihnachtstreffen im Jahr 2017 verkündete er endlich: „Haltet euch zwischen April und Juli frei!"

Es heißt, dass Ihnen der Regisseur viele Freiheiten lässt?

Clavier: Der Charakter des Monsieur Claude war mir so vertraut, dass ich mich voll in die Rolle hineinfallen ließ. Ich kannte ihn sozusagen in- und auswendig, daher war Philippe für jede Anregung dankbar. Vor Drehbeginn absolvierten wir zahlreiche Proben, und dabei durfte jeder seine eigenen Ideen einbringen. Als es dann losging, brauchten wir gar nicht mehr viel zu ändern.

Welcher dramaturgische Kniff war ausschlaggebend, dass es einen zweiten Teil geben konnte?

Clavier: Bekanntlich ist Monsieur Claude einer, der immer matschkert. Vor allem an seinem Land hat er dauernd etwas auszusetzen. Nun passiert aber zu Beginn des zweiten Teils etwas Schreckliches: Die vier Töchter und ihre Männer sind mit dem Leben in Frankreich zusehends unzufriedener und wollen auswandern. Ein Schock für die Eltern, die nun gefordert sind. Claude, der ewige Nörgler, muss die Töchter und ihre Ehemänner nun überzeugen, wie wunderbar das Leben in Frankreich eigentlich ist. Wunderbarer geht's gar nicht. Das war eine großartige Grundidee!

Philippe de Chauveron sagt: Frankreich ist ein Paradies, bewohnt von Menschen, die glauben, dass sie in der Hölle seien?

Clavier: Und daraus resultierte ein Charakter wie Monsieur Claude. Für mich war es großartig, das spielen zu dürfen. Claude, ein Mensch, der alles sagt, was man nicht sagen soll. Seine — oft schmutzigen — Gedanken sind seine Worte. Es gibt kaum etwas, was er nicht kritisiert. Vor allem sein Land. Und auf einmal steht er vor der Situation, dass er alles im positivsten Licht erscheinen lassen muss. Kann es für einen Komödianten einen größeren Spaß geben?

Wie sehen Sie als Franzose die Franzosen?

Clavier: Sie neigen oft dazu, nur ihre eigene Meinung gelten zu lassen. Andere Meinungen sind ihnen eher egal. Und manchmal werden sie sehr zornig.

Sind sie ja gerade. Demnach: eine gute Zeit für Komödien?

Clavier: Für Komödien sind die Zeiten immer gut.

Wobei Ihr Regisseur und auch Sie auf „political correctness" nicht viel Wert legen?

Clavier: Ich stimme mit Philippe überein, wenn er sagt: Wir dürfen gar nicht „politisch korrekt" sein. Sonst wird es fad. Die schrägen Scherze wirken befreiend auf das Publikum. Die Leute möchten kaltes oder heißes Wasser. Lauwarmes Wasser mag niemand.

Es heißt immer, dass große Komödianten im Privatleben sehr ernste Menschen sind. Sie auch?

Clavier: Fifty-fifty. Ich glaube, dass ich auch privat ziemlich lustig bin. Ich liebe es, zu lachen. Hin und wieder bin ich aber auch ein bisschen grantig. Grundsätzlich glaube ich, dass das Leben eher eine Tragödie ist. Das dürfen wir nie vergessen. Sehen Sie sich zum Beispiel die Charaktere an, die Feydeau erfunden hat. Da wird immer über das Unglück der anderen gelacht. Und wie!

Sie waren ja auch schon der kleine Gallier Asterix. Neben Gérard Depardieu als Obelix. Wie haben Sie sich in der Welt der Comics gefühlt?

Clavier: Comics haben mich geprägt, waren ein Teil meiner Erziehung, meiner Kultur. Ich habe sie verschlungen und verschlinge sie immer noch. Und natürlich war ich seit jeher ein Fan von Asterix.

Nebenbei: Sie haben ja auch schon in Österreich gefilmt, nämlich in Robert Dornhelms „Kronprinz Rudolf". Da verkörperten Sie den Politiker Graf Taaffe?

Clavier: Dornhelm, ein großartiger Regisseur. Ich habe vor allem seine Version von „Krieg und Frieden" bewundert. Und in welche Lokale er mich geführt hat! Eure Küche ist grandios. Es heißt etwas, wenn ich als Franzose das sage!

Der Job eines Schauspielers — für Sie normal oder eher nicht normal?

Clavier: Gérard Depardieu hat einmal in einem Interview gesagt, dass dieses Metier unglaublich ist, und dass es ihm viel zurückgegeben hat. Doch ich habe auch schon erlebt, dass Schauspieler durch ihren Erfolg dumm und arrogant geworden sind. Letztendlich denke ich: So ganz normal ist dieser Job nicht.

Was hat zum Beispiel Sie vor dem Überschnappen bewahrt?

Clavier: Selbstkritik. Selbstkritik ist das wichtigste Element gegen Narzissmus.

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Geben Sie noch gerne Interviews?

Clavier: In Frankreich weniger, da ist es oft sehr unentspannt. Aber hier, wo ich jetzt gerade bin, finde ich es sehr entspannt.

Frankreich haben Sie ja verlassen und sich in England angesiedelt. Der Grund war angeblich, dass man Sie so oft wegen Ihres freundschaftlichen Verhältnisses zum damaligen Präsidenten Sarkozy kritisiert hat?

Clavier: Ich habe England mittlerweile verlassen.

Warum?

Clavier: Sie haben sich für den Brexit entschieden. Für mich ein klares Signal an uns im Sinne von „Schleicht's euch!". Ich bin ein leidenschaftlicher Europäer. Also habe ich mich in Brüssel angesiedelt. In der europäischen Hauptstadt!

„Monsieur Claude 3" — eine Möglichkeit?

Clavier: Ich müsste lügen, wenn ich Nein sage. Ich denke, wir alle lauern auf eine neue Idee von Philippe de Chauveron. Inzwischen drehe ich eine Komödie in St. Tropez, die ich mit zwei Partnern geschrieben habe. Ich spiele einen dümmlichen Inspektor, der in einen reichen Haushalt kommt, um einen Fall zu klären. Ein bisschen Hommage an den „Rosaroten Panther" mit Peter Sellers und an den „Gendarm von St. Tropez" mit Louis de Funès. Bewusst habe ich auch den damaligen Song „Do You Do You St. Tropez" eingebaut. Den hat damals eine Bürgerin von St. Tropez gesungen: Brigitte Bardot.

Das Interview führte Ludwig Heinrich