Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 10.04.2019


Kino

Tinas Gespür für Scham und Schuldgefühle

Ein Film wie aus einer anderen Welt: Ali Abbasi erzählt in „Border“ von der Angst einer Gesellschaft vor Wesen, die anders sind.

Eva Melander als Fabelwesen auf der Suche nach dem anonymen Grab der Eltern in Ali Abbasis „Border“.

© ThimfilmEva Melander als Fabelwesen auf der Suche nach dem anonymen Grab der Eltern in Ali Abbasis „Border“.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Der flache, nach hinten fliehende, von großporiger Haut zugedeckte Stirnknochen und die große Nase machen aus Tina (Eva Melander) nicht gerade eine einnehmende Erscheinung. Wenn sie die Lippen öffnet und ein großes, vorstehendes Gebiss sichtbar werden lässt, machen die Menschen einen diskreten Bogen um die Frau in der Uniform der schwedischen Zollbehörde.

Tina hat ein Sensorium für Schmuggler. Sie riecht den von Angst und Schuldgefühlen erzeugten Schweiß, sie erschnuppert jede Form von Scham. Die Kollegen beobachten sie mit Skepsis, doch die Erfolgsbilanz spricht für Tina, die Jugendliche vor dem Delirium bewahrt und Bürger als gefährliche Händler von Kinderpornografie entlarvt.

Als Vore (Eero Milonoff) von der Fähre kommt, versagt ihre Begabung. Der verwahrloste Reisende könnte Tinas Zwillingsbruder sein. Nur das freche Auftreten spricht gegen ihn, weshalb eine peinliche Körpervisitation vorgenommen wird. Damit hat der schwedische Regisseur Ali Abbasi bereits in den ersten Minuten seines Films „Border“ so ziemlich alle Rätsel und Genrevarianten von Thriller über Horror bis Fantasy eröffnet. Wie im Titel angedeutet, wird so manche (auch ästhetische) Grenze überschritten, bis Abbasi in eine Kinowirklichkeit eintaucht, die an Visionen von Filmemachern wie David Lynch oder (in den grausamen Momenten) an Lars von Trier denken lässt. Auch in deren Filmen geht es oft um eine Idee von Schönheit, die hinter dem Monströse­n sichtbar wird.

Tina, bei der es lange ungewiss bleibt, ob wir mit ihr einen Kinoabend verbringen wollen, verwandelt sich schließlich in eine Hedy Lamar­r, wenn Abbasi die unschuldige Zöllnerin in einer maßstabgetreuen Nachstellung jener legendären Nacktszene aus „Ekstase“ durch den Wald tollen lässt.

Tina ahnt nichts von ihrer Herkunft, erinnert sich an das frühe ihr von den Mitschülern zugefügte Leid. Dafür begegnen ihr im Wald Elch, Reh und Fuchs mit Zuneigung, während Kampfhunde auf sie aggressiv reagieren. Es gibt Unerklärliches, aber auch Dinge wie die schwarz­e Narbe am Steißbein, die sich Tina nicht erklären kann. Vore, der sich von Maden, Würmern und Schnecken ernährt, weiß dagegen alles von einer von Angst erfüllten Gesellschaft, die seinesgleichen verfolgt und jedes Anderssein mit Ausrottung bestraft.

Wenn „Border“ zur Parabel wird und Vore Tina die anonymen Massengräber hinter einem psychiatrischen Krankenhaus zeigt, bleibt es den Zuschauern überlassen, im Geschichtsbewusstsein zu kramen und sich an ähnliche Bilder von nahen „Tötungsanstalten“ zu erinnern. Statt sich vom Hass antreiben zu lassen, entscheidet sich Tina, einer Sehnsucht zu folgen, die sie gespürt hat, aber nie deuten konnte. Es ist das große Wunder in „Border“, wie sich Tina auch dank des Spiels von Eva Melander, die hierzulande sonst nur in schwedischen TV-Serien („Die Brücke“) zu sehen ist, in ein liebenswertes Wesen verwandelt.

Ali Abbasi gewann mit „Border“ 2018 den Hauptpreis in der Cannes-Reihe „Un Certain Regard“, die Maskenbildner für Tina und Vore mussten sich bei der diesjährigen Oscar-Verleihung nur jenen von „Vice“ geschlagen geben.


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