Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 17.04.2019


Film und TV

Die Sehnsucht nach Erlösung

Julian Schnabel hat sich als Regisseur auf existenzielle Ausnahmesituationen spezialisiert. Die letzten Jahre Vincent van Goghs erzählt er als Passionsgeschichte.

Willem Dafoe gewann 2018 beim Filmfestival von Venedig für sein virtuoses Spiel in "Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit" den Darstellerpreis.

© FilmladenWillem Dafoe gewann 2018 beim Filmfestival von Venedig für sein virtuoses Spiel in "Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit" den Darstellerpreis.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Am Anfang rinnt gelbgrüner Absinth über einen Würfelzucker in ein Glas. Von den Liebhabern dieser Prozedur weiß man, dass sie nach exzessivem Konsum bald ihr Augenlicht verlieren und einen qualvollen Tod zu erwarten haben. Der Trinker ist Vincent van Gogh (Willem Dafoe), den eine zitternde Handkamera umkreist. Doch der Maler ist nicht betrunken. Beim Abstreifen seiner groben Schuhe entdeckt er ein lohnendes Motiv. Die Kamera kommt erst zur Ruhe, als van Gogh Farbe aus den Tuben drückt und auf grauer Leinwand zu malen beginnt. Aus dem Paar Schuhe wird ein Liebespaar, näher wird der verzweifelte und einsame Künstler Liebe und Zärtlichkeit in den kommenden zwei Jahren bis zu seinem Tod 1890 nicht mehr kommen.

Julian Schnabel war bereits ein Malerfürst, als er sich 1995 einer neuen Disziplin zuwandte. Sein Kinodebüt über den afroamerikanischen Graffiti-Künstler Basquiat sah so aus, als hätte Schnabel schon ein ganzes Leben lang Filme gedreht. Mit „Schmetterling und Taucherglocke“ realisierte Schnabel 2007 sein Meisterwerk über den Chefredakteur des Modemagazins Elle, der, nach einem Schlaganfall im Locked-in-Syndrom gefangen, nur noch über sein linkes Augenlid kommunizieren konnte und so, einen Buchstaben nach dem anderen, ein Buch diktierte. Ebenso erschütternd wie die Geschichte waren Schnabels filmische Mittel, Traum- und Montagetricks, um uns zu berühren, schließlich gab es für den Zwei-Stunden-Film nicht viel mehr als einen Mann, der gelähmt in einem Bett liegt. Einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen lieferte Mathieu Amalric, der vorführte, wie bewegend ein Blinzeln sein kann. In Schnabels „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ ist Amalric wieder dabei. Als van Goghs Arzt und letztes Modell kokettiert er mit seinem Akzent.

Van Goghs Biografie lieferte seit den 1940er-Jahren die Vorlage für unzählige Kinobearbeitungen. Die Zutaten aus Künstlerelend, Leidenschaft, Verzweiflung, Selbstzerstörung, Martyrium und Melancholie führten oft zu merkwürdigen Erzählungen. Nichts davon interessiert Julian Schnabel. Er und sein Koautor Jean-Claude Carrière bewegen sich zwar vage entlang der letzten Reiseroute van Goghs von Paris über Arles bis Auvers-sur-Oise, auch die üblichen Reisebegleiter und Saufkumpane sind komplett, trotzdem erzählt Schnabel eine andere Geschichte.

Die Farben sind aus vielen Landschaften verschwunden, das Feld mit den legendären Sonnenblumen sieht wie ein Kriegsschauplatz nach der Schlacht aus. Die berühmten Bilder sind für die Ewigkeit bereits gemalt – niemand möchte sie allerdings sehen.

Für den Priester (Mads Mikkelsen), der über van Goghs Entlassung aus der Nervenheilanstalt zu entscheiden hat, ist der Mann eher ein Hochstapler, da Maler geschätzt werden und von ihrer Kunst leben können. Andererseits, Vorsicht ist geboten, schließlich geht es um die Freiheit, wurde auch Jesus nach seinem Kreuzigungstod nicht geschätzt. Wie Jesus fühlt sich van Gogh seiner Zeit voraus, ihn treibt nur noch die Sehnsucht nach Erlösung.

Diese Passionsgeschichte hat Willem Dafoe schon einmal in Martin Scorseses „The Last Temptation of Christ“ gespielt. Für seinen van Gogh gewann er im Vorjahr beim Filmfestival in Venedig den Schauspielpreis.