Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 18.04.2019


Game Of Thrones

Der letzte Kampf um den Thron aus Sicht der Wissenschaft

Derzeit wird die finale Staffel von „Game of Thrones“ ausgestrahlt. Mittlerweile beschäftigen sich sogar Wissenschafter mit der euphorischen Begeisterung, die diese Serie beim Publikum auslöst.

In Österreich ist die Serie „Game of Thrones“ immer montags auf Sky zu sehen.

© SKYIn Österreich ist die Serie „Game of Thrones“ immer montags auf Sky zu sehen.



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Die Wiedersehensfreude bei der lang herbeigesehnten finalen Staffel von „Game of Thrones“ ist nicht nur unter den Fans groß. So viel kann verraten werden: Jon Snow kehrt nach seiner kriegerischen Odyssee in seine Heimat Schloss Winterfell zurück und trifft dort auf seine noch lebenden Halbgeschwister. Jon ist aber nicht allein. Er wird vom Gefolge der Drachenkönigin Daenerys Targaryen begleitet. Gemeinsam schmieden sie Pläne, wie die „Army of the Dead“ besiegt werden könnte. Damit beginnt unter den Zusehern wieder das große Rätselraten, wer den Kampf um den begehrten Thron schließlich gewinnen wird.

Die Serie „Game of Thrones“, die auf der gleichnamigen Buchreihe von George R. R. Martin basiert, gehört derzeit zu den erfolgreichsten Fernsehserien und wird in ca. 150 Ländern ausgestrahlt. Rund 17,4 Millionen Zuseher zählte der US-Sender HBO in den USA beim Start der finalen Staffel. In Österreich ist „Game of Thrones“ bei Sky zu sehen. Die erste Episode der finalen Staffel hatte allein am Montag 1,34 Millionen Zuschauer im TV.

Mittlerweile haben sich auch Wissenschafter mit dem Hype dieser Serie beschäftigt, bei der Elemente des Heldenepos mit jenen der Fantasygeschichte verknüpft werden.

Timo Storck ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule in Berlin und erzählt im Gespräch mit der TT, dass er persönlich von der Serie fasziniert war, sodass er damit begann, sich auch wissenschaftlich damit zu beschäftigen. Storck sagt: „Oberflächlich betrachtet könnte man sagen, dass es sich bei ‚Game of Thrones‘ einfach um eine spannende Geschichte handelt, die komplex erzählt wird und vielschichtige Figuren aufweist, mit vielen Identifikationsmöglichkeiten. Tatsächlich bietet sie aber mehr. Man lernt nicht unbedingt etwas über das Mittelalter, sondern etwas über politische und gesellschaftliche Fragen sowie menschliche Strukturen, wie sie auch heute eine Rolle spielen.“ Auch Gerald Poscheschnik, Leiter des Instituts für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung an der Universität Innsbruck, hat sich ausführlich mit der Serie beschäftigt. Er hebt die Vielschichtigkeit der Figuren hervor: „Die Charaktere sind nicht plump gut oder böse gezeichnet, sie durchleben einen Entwicklungsbogen und bieten vielschichtige Identifikationsmöglichkeiten. Die Serie verrät außerdem viel über unsere kollektive Psyche.“

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Die Kriegsführung allein steht also nicht unbedingt im Vordergrund, und Storck betont: „Nicht die am besten Bewaffneten sind die stärksten Akteure, sondern diejenigen, die den besten Zugang zu Informationen haben. Die Macht des Informiert-Seins ist damit ein zeitgenössisches Motiv.“

Für zart besaitete Gemüter ist „Game of Thrones“ nicht zu empfehlen, denn die explizite Darstellung von Gewalt zieht sich wahrlich wie ein roter Faden durch die Serie: Vergewaltigungen, Folter und Inzest werden schonungslos gezeigt. Warum stößt sich das Millionenpublikum nicht an dieser Brutalität? Storck deutet diesen Umstand so: „Es ist eine Art unbewusster Bewältigungsversuch, menschliche Destruktivität zu verstehen.“ Außerdem weist er darauf hin, dass selbst der Autor George R. R. Martin damit argumentiert, dass blutrünstige Szenen eben zu einem Krieg gehören würden. Die Serie „Game of Thrones“ spielt also auf verschiedenen Ebenen mit Schockwirkung. Dies gilt auch für den Umgang mit ihren Helden. Storck erklärt dazu: „Die Art und Weise, wie mit Protagonisten umgegangen wird, ist radikal verschieden von dem, was wir in den Jahrzehnten zuvor kennen gelernt haben, weil einzelne Helden tatsächlich sterben.“

Eine besondere Stärke der Serie sind die pointierten Dialoge, etwa wenn Cersei Lannister Euron Greyjoy entgegenschmettert: „You want a whore, buy one. You want a queen, earn her.“ (Wenn du eine Hure willst, dann kauf dir eine. Eine Königin musst du dir verdienen.)

„Obwohl es weder Eis-Zombies noch Drachen gibt, bietet die Serie Anknüpfungspunkte zur Gegenwart, denn die Großgruppendynamik und die Stimmung sind bekannt“, meint Poscheschnik und weist aber auch auf einen heimtückischen Moment hin: „Die Serie ist unterhaltsam und sie lenkt von den realen Gefahren ab.“




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