Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 20.04.2019


Kino

Die Eroberung einer neuen Heimat in den Karpaten

Odyssee mit einer Leiche: Nicola Nocella in Andrea Magnanis „Easy“.

© MoviementoOdyssee mit einer Leiche: Nicola Nocella in Andrea Magnanis „Easy“.



Ob als Schlafplatz für nachtaktive Wesen („Dracul­a"), ob als Transportmittel für ein Maschinengewehr („Djang­o") oder verbotene Substanzen und Geheimniss­e, ein Sarg ist zweifellos das günstigste Möbelstück, das einen ganzen, Genre­grenzen überschreitenden Film tragen kann. Der italienische Dokumentarfilmregisseur Andrea Magnani demonstriert in seinem Kinodebüt „Easy" alle Varianten von Komik, die sich dem hölzernen Requisit abtrotzen lassen.

Alles beginnt mit einem Verbrechen. Isidoro (Nicola Nocell­a), den alle Easy nennen, zehrt noch immer von seinem Ruhm als Gokart-Pilot, der Sprung in die Königsklasse des Automobilsports ist ihm wegen seiner Leibesfülle verwehrt geblieben. Abgesehen von halbherzigen Selbstmordversuchen, die kaum noch Aufmerksamkeit erregen, kultiviert er den Müßiggang zwischen den Mahlzeiten. Sein Bruder Filo (Libero De Rienz­o) fährt dagegen auf der Straße des Erfolgs. Doch der Bau­unternehmer und Investor ist ein Gangster. Als ein ukrainischer Arbeiter wegen mangelhafter Sicherheitsmaßnahmen zu Tode kommt, könnte sich Easy einmal in seinem Leben für die Familie nützlich machen. Er soll die Leiche in die Ukraine liefern. Ohne es auszusprechen, meint der Bruder natürlich das Verschwindenlassen des Toten, wofür es in diesem Land genug aus der Zeit gefallene Landschaften und vergessene Kriegsschauplätze gibt. Doch Easy hat erstmals eine Aufgabe. Er denkt an die Würde des Toten, der ein Recht darauf haben soll, von seinen Angehörigen betrauert und begraben zu werden.

Damit beginnt ein Roadmovie, das bald den sicheren Pfad verlässt. Da nach dem Passieren der Grenze unter Hinterlassung des Sargs der Leichenwagen geklaut wird, muss sich Easy nach alternativen Transportmitteln umsehen. Daraus ergeben sich surreal­e Wendungen und Bilder, bis nur noch der Sarg als Floß bleibt, um sich dem Ziel zu nähern. Auf der schwimmenden Holzkiste mit dem Toten zum Hades treibend, wird aus Easy ein Odysseus, für den das Ziel eine Heimkehr bedeutet. Warum soll die Heimat nicht in den Karpaten liegen? (p. a.)

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