Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 30.04.2019


Film und TV

“Wildlife“: Allein in Great Falls, Montana

Der große Schauspieler Paul Dano wählte als Vorlage für sein Regiedebüt Richard Fords Roman „Wildlife“, um von der Tragödie einer Mittelstandsfamilie zu erzählen.

1960 beginnt für Amerika eine neue Ära, die Brinsons bekommen davon nichts mit: Carey Mulligan als Mutter mit Sohn (Ed Oxenbould) und Ehemann (Jake Gyllenhaal).

© Sony1960 beginnt für Amerika eine neue Ära, die Brinsons bekommen davon nichts mit: Carey Mulligan als Mutter mit Sohn (Ed Oxenbould) und Ehemann (Jake Gyllenhaal).



Von Peter Angerer

Innsbruck – Nach den bleiernen Jahren der Eisenhower-Ära ist Amerika 1960 auf dem Weg, zu einer „stolzen Nation“ zu werden. Das Jahr wird mit der Wahl John F. Kennedys zum Präsidenten enden, nur in Montana scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Dort, wo ihr schrottreifes Auto nicht auffällt, erhoffen sich die Brinsons eine Verbesserung der Verhältnisse, wenn nicht gar ein wildes Leben.

Für sein Regiedebüt hat der große Schauspieler Paul Dano (Brian Wilson in „Love & Mercy“, der Prediger in „There Will Be Blood“) als Vorlage den 1990 erschienenen Roman „Wildlife“ des ebenso großen Schriftstellers Richard Ford gewählt. Das Drehbuch schrieb Dano mit seiner Lebensgefährtin Zoe Kazan, deren Großvater Elia Kazan die Filmgeschichte mit Meisterwerken wie „Die Faust im Nacken“ bereichert hat und zu Hollywood immer eine zwiespältige Beziehung pflegte. Auch Danos „Wildlife“ ist anzusehen, dass er nicht darauf aus ist, sich der Traumfabrik anzubiedern.

Jerry (Jake Gyllenhaal) ist mit seiner Familie nach Great Falls in Montana übersiedelt, um im Golfclub die Stelle eines Lehrers anzutreten. Eigentlich hat man nur einen Schuhputzer und Caddy gesucht. Als Jerry seinen kargen Wochenlohn (40 Dollar) mit Wetten aufzubessern versucht, ist er nach ein paar Tagen schon wieder entlassen. In solchen Momenten der Erniedrigung setzt er sich in sein Auto und bekämpft die Wut mit einer Flasche Bier. Seine Frau Jeanette (Carey Mulligan) erlebt Erniedrigungen, wenn sie geplatzte Schecks mit hastigen Übersiedlungen erklären muss, wobei ihr Mitleid und Verachtung ihrer Gesprächspartner nicht entgehen. Beider Sohn Joe (Ed Oxenbould) muss nur einen Blick in den elterlichen Bungalow werfen, um das ganze Elend zu begreifen. Wenn der alte Fernseher funktioniert, sehen sich Vater und Sohn ein Footballspiel an, später klopft sich der Vater auf der Wohnzimmercouch einen Polster zurecht. Wäre Joe in der Lage, seine Situation wie ein Schriftsteller vom Rang eines Richard Ford zu reflektieren, spürte er „den Hauch von verlorener Jugend und bevorstehender Tragödie“.

Ohne Rücksicht auf Notwendigkeiten oder gar auf seine Familie zu nehmen, beharrt Jerry auf seinem trotzigen Stolz, wenn sich schon das Land darauf beruft. Er zieht für einen Dollar pro Stunde in die Berge, um die dort wütenden Feuer zu bekämpfen, während Jeanette als Schwimmlehrerin für den Unterhalt sorgen muss. Weil das nicht reicht, beginnt Joe als Fotograf zu arbeiten.

Nur unter einem „wilden Leben“ kann sich der 14-Jährige nichts vorstellen. Seine Mutter versteht darunter Musik, Essen im Restaurant und auch ihr Verhältnis mit dem Autohändler Warren Miller (Bill Camp). In seiner Verwirrung beginnt der Junge die Tragödie zu erahnen. Um der Kontrolle, dem Kleinstadtleben zu entkommen, sind seine Eltern, viel zu jung für eine Familie, dem Glücksversprechen gefolgt und im Unglück gelandet, bis nichts mehr übrig war von allen Visionen.

Es ist Carey Mulligan, die diese Traurigkeit darstellen kann und zugleich eine Vorstellung von den Veränderungen gibt, wenn sie sich unter einer Daunendecke wärmen möchte und unter deren Bleigewicht zu ersticken droht.




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