Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.05.2019


Film und TV

“Inland“: Der Lotse durch Hass und Ängste

Ulli Gladik liefert in ihrem Film „Inland“ ein Stimmungsbild unter FPÖ-Wählern.

Im „Espresso Florida“ suchen Stammgäste vor der Nationalratswahl 2017 Antworten auf die beklemmenden Fragen ihres Lebens.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: Polyfilm</span>

© Im „Espresso Florida“ suchen Stammgäste vor der Nationalratswahl 2017 Antworten auf die beklemmenden Fragen ihres Lebens.Foto: Polyfilm



Innsbruck – Selbst bei strömendem Regen macht es wenig Sinn, in manchen Wiener Lokalen Schutz zu suchen, wenn an Stammtischen die Rettung Österreichs verhandelt wird. Eine Lungenentzündung ist dem Stumpfsinn vorzuziehen, der wie Schleim durch das „Espresso Florid­a“ rinnt: Die Türken hätten Favoriten übernommen, die Greißler vertrieben; dazu kommen noch die Faulpelze und Ausländer, doch das Übel habe „mit Kreiskys Juden­politik“ begonnen.

Christian, er ist Beamter bei der Magistratsabteilung 48, führt gehend und in die Kamera redend durch seinen Bezirk, der nun den Türken gehört. Es gebe nur noch türkische Friseure, die sich weigern, Einheimische zu bedienen. Und die Gemeind­e Wien? Die bevorzugt bei Betriebsgenehmigungen die Türken, weil „die Roten ihre Stammwähler verloren haben“. Der Müllarbeiter setzt auf den Schweinsbraten-Test und die FPÖ.

Alexander lebt in einem Obdachlosenheim, bezieht Mindestsicherung, einmal pro Woche wird er von einem Psychologen betreut. Hass ist für sein Empfinden gegenüber Ausländern ein schwaches Wort. Auf seinem Computer hortet er Grauslichkeiten wie das Bild eines Schlauchbootes mit Flüchtlingen mit dem Text: „Wo ist der Weiße Hai, wenn man ihn braucht?“

In der Erwartung der kommenden Veränderungen besuchte Ulli Gladik 2017 Wahlveranstaltungen der FPÖ, um für ihren Dokumentarfilm „Inland“ Protagonisten zu finden, die mit strahlenden Gesichtern zu erkennen gaben, den Lotsen durch alle Bedrohungen und die Antworten auf die beklemmenden Fragen ihres Lebens gefunden zu haben. Sie entdecken Fakten und Feindbilder, die für das Scheitern in ihrem Leben die Schuld tragen, ohne ein Gefühl für die sie umgebende Gesellschaft zu entwickeln. Dabei hilft ihnen auch die Regisseurin, versteckt hinter ihrer Kamera, nicht. Ein halbes Jahr nach der Angelobung der türkis-blauen Regierung kommen dem Müllarbeiter erste leise Zweifel. Er sucht einen türkischen Friseur auf, um sich acht Euro zu sparen. Nur der Obdachlose verliert sich immer tiefer in Wahnvorstellungen. Diese Vorführung eines psychisch Kranken ist der Skandal des Films. (p. a.)


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