Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 15.05.2019


Kino

„Greta“: Abgründe einer netten Nachbarin

Neil Jordan kann sich in seinem groben Psychothriller „Greta“ ganz auf Hauptdarstellerin Isabelle Huppert verlassen.

Isabelle Huppert als bedrohliche Beobachterin in Neil Jordans neuem Thriller „Greta“.

© ConstantinIsabelle Huppert als bedrohliche Beobachterin in Neil Jordans neuem Thriller „Greta“.



Innsbruck – Isabelle Huppert ist eine der besten Schauspielerinnen überhaupt. Dabei zieht es sie immer wieder zu gebrochenen, kranken Figuren, nicht nur in der Arbeit mit Michael Haneke. Als verwitwete Klavierlehrerin Greta im gleichnamigen Film von Neil Jordan kann sie erneut grandios aufspielen, vom Subtilen bis zum Extremen.

Zunächst gibt sie die einsame französische Oma von nebenan. Dankbar lädt sie Frances (Chloë Grace Moretz), die junge Protagonistin des Films, in ihre New Yorker Hinterhof-Wohnung ein, als die ihr die verlorene Handtasche bringt. Die beiden Außenseiterinnen freunden sich an. Doch was als Geschichte einer unwahrscheinlichen Freundschaft anfängt, kippt schnell ins Bedrohliche. Ein erstes Indiz liefert Gretas Nachname: Hideg bedeutet kalt – auf Ungarisch. Die falsche Französin Greta wird immer anhänglicher, Frances versucht immer deutlicher sich von ihr zu lösen. Nicht lange und wir befinden uns mitten in einem Stalking-Fall. Greta steht beobachtend auf der anderen Straßenseite von Frances’ Arbeitsplatz, bombardiert sie mit Anrufen und schickt ihr Blumen.

Was bei einem männlichen Stalker ein klischeehafter MeToo-Problem-Thriller wäre, kann hier durch die beiden Frauenfiguren eine ganz eigene Spannung entfalten. Huppert hat das Genre zuletzt, unter anderen Vorzeichen, in Paul Verhoevens „Elle“ bearbeitet. Hier kann sie nun ihre diabolische Seite noch extremer zur Geltung bringen.

Mit „Greta“ balanciert Oscargewinner Neil Jordan („The Crying Game“) auf dem Grat zwischen B-Movie und grob ausgestalteter psychologischer Studie. Das funktioniert selbst dann noch leidlich, wenn die Geschichte im letzten, recht vorhersehbaren Drittel gänzlich eskaliert. Zu verdanken ist das neben der selbstbewussten Chloë Grace Moretz natürlich Isabelle Huppert, die auch einer Figur vom Thriller-Reißbrett viel Leben einhaucht. (maw)