Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 24.05.2019


Filmkritik

“Ayka“: Requiem für eine Migrantin

Sergey Dvortsevoy realisierte mit „Ayka“ einen verstörenden Film über das Elend der aus Zentralasien stammenden Arbeitsmigranten in Russlands vereister Metropole.

Samal Yeslyamova gewann 2018 für ihre Rolle einer jungen Mutter, die in Sergey Dvortsevoys „Ayka“ durch Moskau irrt, in Cannes die Palme als beste Darstellerin.

© PolyfilmSamal Yeslyamova gewann 2018 für ihre Rolle einer jungen Mutter, die in Sergey Dvortsevoys „Ayka“ durch Moskau irrt, in Cannes die Palme als beste Darstellerin.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Eine Krankenschwester schiebt mit einem Handwagen zu Puppen verschnürte Babys durch einen düsteren Krankenhausgang, um sie den Müttern zum Stillen zu übergeben. Ayka (Samal Yeslyamova) hat die Toilettentür hinter sich verschlossen, bittet um etwas Geduld, während sie das Klebe­band vom Fensterrahmen kratzt. Sie quetscht sich durch die schmale Öffnung, landet schmerzhaft auf der Straße in einem Schneesturm, wie ihn Moskau seit Jahren nicht mehr gesehen hat.

Die Handkamera von Jolant­a Dylewska bleibt im Rücken der Flüchtenden, die in ihrem dünnen Anorak von den Böen weggetragen werden könnte. Dieser heftige Kampf und das Tempo der Bewegungen schiebt erst einmal den Konflikt über das eben Gesehene zur Seite. Schließlich hat die junge Frau ihr Neugeborenes schutzlos einer fremden Welt überlassen. Nach moralischen Konventionen hat sie damit alle Sympathien verspielt. Da schlüpft Ayka aber schon in eine Barack­e, weigert sich, ihr Fernbleiben während der letzten Tage zu erklären. Sie zieht ein Huhn aus einem kochenden Wasserkessel, schrubbt dem Tier die Federn ab. Diesem Huhn folgt ein weiteres und noch viele, bis sich damit ein Lastwagen füllen lässt. Am Ende sind mit den Hühnern auch die Betreiber des Schlachthofe­s verschwunden. Ayka und ein Dutzend andere Frauen haben wochenlang gearbeitet, ohne dafür einen Rubel zu sehen. Gemeinsam ist den Frauen der illegale Status, da sie weder über eine Aufenthalts- noch eine Arbeitsbewilligung verfügen.

Der russisch-kasachische Regisseur Sergey Dvortsevoy präsentierte 2008 beim Festival in Cannes sein Spielfilmdebüt. „Tulpan“ war ein heiteres Märchen über die Vorbereitungen zu einer Hochzeit, die es nie geben wird, da sich die Braut gegen das Leben in einer kasachischen Hirtenfamili­e entschieden hat.

Tulpans Geschichte könnt­e auch jene von Ayka sein, obwohl sie aus Kirgisistan kommt und keine Gelegenheit zu erzählen erhält. Dafür steckt Sergey Dvortsevoy einen ziemlich engen räumlichen und zeitlichen Rahmen ab, in dem die junge Frau gefangen ist. Die klaustrophobische Eng­e spiegelt die menschliche Not, die Verzweiflung und das Elend. In der ständigen Angst vor Entdeckung bei Polizeikontrollen muss Ayka zudem eine Band­e krimineller Geldverleiher fürchten, denen sie eine lächerliche Summe für den Kauf einer Nähmaschine schuldet. Eine Arbeit als Näherin war ihr Traum vom Leben in Moskau, das ihr aber nur die eisig­e Schulter zeigt. Furchtsame Passanten weigern sich, ihre Fragen nach Straßen zu beantworten. Von Dachrinnen klaubt sie Eiszapfen, um ihre Blutungen und Schmerzen zu stillen.

In einer Tierklinik kann sie für ein paar Tage als Reinigungskraft arbeiten und muss feststellen, dass Hund­e und Katzen in dieser Stadt mit mehr Empathie rechnen können als Menschen. Dieser Tiermetapher folgend gebührt dem Jaguar die luxuriöseste Behandlung. Er rollt mit frisch lackierten Reifen aus einer Waschanlage, in der Ayk­a (erfolglos) um Arbeit bittet. Der makabre Humor aus Assoziations­ketten inspiriert Ayk­a zum größten Verbrechen, das eine Mutter begehen kann. Wie Samal Yeslyamova die tragischen Windungen im Leben einer Arbeitsmigrantin spielt, hat ihr 2018 in Cannes die Palme als beste Darstellerin eingebracht.