Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 08.06.2019


Film und TV

Raum und Zeit: In der Weltraum-Strafkolonie

Zeit ist relativ, gerade auch im Kino. Im Science-Fiction-Film „High Life“ schickt Regisseurin Claire Denis die Stars Juliette Binoche und Robert Pattinson auf eine lange Reise ins All.

Juliette Binoche und Robert Pattinson begeben sich im anspruchsvollen Kinofilm „High Life“ auf eine seltsame Weltraum-Mission.

© PolyfilmJuliette Binoche und Robert Pattinson begeben sich im anspruchsvollen Kinofilm „High Life“ auf eine seltsame Weltraum-Mission.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Schwarze Löcher sind perfekt für das Kino: Sie verändern Raum und Zeit. Die französische Regisseurin Claire Denis schickt in ihrem ersten englischsprachigen Film eine seltsame Truppe auf eine mehr als seltsame Reise zu einem solchen schwarzen Loch. „High Life“ geht ohne Weiteres auch als Science-Fiction durch.

Doch wie jede gute Science-Fiction dient die fremde Welt auch dazu, das menschlich Fremde zu erkunden. Denis geht es um die unendlichen inneren Weiten, trotz Mitarbeit des Astro-Physikers Aurélien Barrau und Astronauten-Training für die Schauspiel-Crew bei der ESA.

Der Film sorgte bei seiner Premiere beim Toronto Filmfestival 2018 aber vor allem wegen seiner Hauptdarsteller Juliette Binoche und Robert Pattinson für Furore.

Dabei ist es mittlerweile alles andere als eine Überraschung, Teenie-Star Robert Pattinson in einem anspruchsvollen Film wiederzufinden. Auch wenn er demnächst als neuer Batman zu sehen sein wird: Mit Filmen wie „Cosmopolis“ (2012) und „Maps to the Stars“ (2014) von David Cronenberg (beide nur dem Titel nach weltraumhaft) oder zuletzt „Good Time“ und „Life“ hat er sich längst vom „Twilight“-Vampir freigespielt.

In „High Life“ lässt er sich erneut auf eine unklare Reise ein. Zusammen mit neun anderen Verbrechern hat seine Hauptfigur Monte eine zweite Chance als Versuchskaninchen – in einer fliegenden Strafkolonie. Binoche ist eine Art Medea-Figur, die als Forscherin Dr. Dibs Fortpflanzungs-Experimente mit den jungen Männern und Frauen an Bord durchführt.

Um sie herum ist eine Gruppe von spannend besetzten Figuren (u. a. Lars Eidinger), die sich auf der Reise brutal im Lagerkoller verlieren. Nur Monte macht als eine Art Mönch bei den In-Vitro-Versuchen nicht mit. Doch am Anfang und Ende dieser Erzählung ist er alleine auf dem verlassenen Raumschiff, zusammen mit einem Kind.

In diesen reduzierten Momenten entwickelt „High Life“ eine hypnotische Kraft. Das liegt nicht nur am wunderbar zärtlichen Doppelspiel von Pattinson mit einem Baby, etwa bei dessen ersten Schritten. Stimmig sind auch die Sound-Landschaften von Stuart Staples von den Tindersticks und das dreckige Raumschiff-Design des isländischen Künstlers Olafur Eliasson. Regisseurin Claire Denis kreist um Sexualität als bestimmende menschliche Kraft und verweist auf den französischen Parade-Philosophen zu „Sexualität und Wahrheit“, Michel Foucault: „Sexualität, kein Sex. Sinnlichkeit, keine Pornografie.“

In „High Life“ steckt bei diesem psychologischen Spiel viel mehr „Solaris“ als „Space Odyssey“. Die Relativität der Zeit als Essenz des Kinos schlechthin trägt, frei nach Tarkovsky, die ebenso dunkle wie einfühlsame Geschichte.

Filmisch und erzählerisch entwickelt der Film dabei nicht ganz die glasklare Spannung von „Ex Machina“ oder die sinnliche Kraft von „Under the Skin“.

Dennoch wirkt der Weltraum als Katalysator und Metapher für intensive Erkundungen. Dafür braucht es auch keine Spezialeffekte.


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