Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 13.06.2019


Kino

“The Dead Don't Die“: Schlurfende Untote auf ausgetretenen Pfaden

Mit „The Dead Don’t Die“ widmet sich Jim Jarmusch dem Zombie-Film. Wirklich Neues trotzt die Arthouse-Ikone dem Genre nicht ab.

Letzte Ausfahrt Ironie: Adam Driver als Kleinstadt-Cop in Jim Jarmuschs etwas fußlahmer Zombie-Komödie „The Dead Don’t Die“.

© UniversalLetzte Ausfahrt Ironie: Adam Driver als Kleinstadt-Cop in Jim Jarmuschs etwas fußlahmer Zombie-Komödie „The Dead Don’t Die“.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Das wird nicht gut enden“, prophezeit Officer Ronnie Peterson (Adam Driver) immer wieder. Irgendwann will Police Chief Cliff Robertson (Bill Murray) wissen, warum er sich denn so sicher sei. „Ich weiß es, weil ich das ganze Drehbuch gelesen habe.“

Das Drehbuch stammt von Jim Jarmusch, seit den 1980er-Jahren und Filmen wie „Stranger than Paradise“ (1984), „Down By Law“ (1986) und „Mystery Train“ (1989) Großmeister des US-Independent-Kinos. In seinem 13. Film bricht das Unglück über die amerikanische Kleinstadt Centerville herein – „ein echt netter Ort“, wie das Ortsschild versichert.

Doch die 738 Einwohner werden schon bald von Zombies heimgesucht. Die Toten erwachen, weil Fracking in der Polarregion entgegen den Beteuerungen der Politiker eine Verschiebung der Erdachse verursacht hat. Das wird nicht der einzige politische Wink mit dem Zaunpfahl in dieser Allegorie auf die Trump-Ära sein. Farmer Miller (Steve Buscemi) etwa trägt unübersehbar die rote Kappe der Trumpisten.

Jarmusch gibt dem Zombie-Genre damit aber keine neue Stoßrichtung. Schon „Die Nacht der lebenden Toten“, George Romeros Genre-Meilenstein von 1968, stellte klar: Eine hirnlose Masse von Untoten ist immer auch Polit-Parabel – und attackiert wird immer das, was lieb und teuer ist. Nicht von ungefähr spielte Romeros Meisterwerk „Dawn of the Dead“ (1978) in einer All American Shopping-Mall. Ob Kapitalismus oder Populismus, ob klassisch langsam oder doch schneller zu Fuß: Zombies, das sind Menschen, die ihr Hirn abschalten. Ob aus konsumistischer Gemütlichkeit oder durch Ableben, ist letztlich egal. Auch Jim Jarmusch kennt die Genre-Klassiker. Sein Alter Ego im Film, der Comic-Nerd Bobby Wiggins (Caleb Landry Jones), meint: „Du kannst mir vertrauen, ich habe fast jeden Zombie-Film gesehen, der je gemacht wurde.“

Diese Ironie ist es, die Jarmuschs neuesten Film „The Dead Don’t Die“ schlussendlich rettet. Während er seine Helden und Untoten im eingangs erwähnten Drehbuch auf ausgetretene Pfade schickt, entwickelt sich auf der Meta-Ebene eine amüsante Komödie. Die Star-Besetzung bis hinein in die kleinsten Rollen (perfekt: Iggy Pop als Zombie) brachte ihm die Ehre als Cannes-Eröffnungsfilm ein. Dass der körperlose Kopf von Teenie-Sternchen Selena Gomez einen eigenen Auftritt bekommt, ist ein typisches Augenzwinkern auf dem (blut-)roten Teppich, der sich durch den Film zieht. Adam Driver, der bereits in Jarmuschs wunderbar liebevollem „Paterson“ (2016) mit dabei war, wird als neuer Star-Wars-Bösewicht mit einem Todesstern-Zitat konfrontiert. Er und Bill Murray brillieren in den Hauptrollen als lethargische Provinz-Polizisten. Chloë Sevigny stammt als ängstliche Officer Mindy aus dem Horrorfilm-Handbuch. Wo in Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“ (2013) noch coole Vampire ihr intellektuelles Unwesen trieben, schlurfen die Zombies nun routiniert-langsam durch die Kleinstadt-Kulisse. Ein Highlight: Tilda Swinton als schottische Bestatterin mit Samurai-Skills. Keine Frage: Jarmusch steht auf Seiten der aristokratischen Blutsauger. Seine Zombies sind ein Lamento auf den kulturlosen Mainstream. Nur Tom Waits verweigert sich als zotteliger Einsiedler dem Kulturkampf.

„Ashes to Ashes, Dust to Dust“, singt der gleich mehrfach namentlich erwähnte Country-Musiker Sturgill Simpson in seinem Song „The Dead Don’t Die“. „Warum klingt das nur so bekannt?“, fragt sich Bill Murray an einer Stelle. Auch hier weiß Adam Driver mehr: „Weil es der Titelsong ist.“


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