Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 21.06.2019


Film und TV

Das Höhlendrama von Thailand geht in Serie

Vor einem Jahr waren zwölf Kinder und ihr Fußballtrainer in einer Höhle gefangen. Die Heldengeschichte wird jetzt nicht nur von Netflix vermarktet.

Vor dem gesperrten Eingang zur Höhle posiert ein junges Mädchen.

© AFPVor dem gesperrten Eingang zur Höhle posiert ein junges Mädchen.



Bangkok – Für einen Buben aus der thailändischen Provinz ist Dom Promthep vergangenes Jahr ganz schön herumgekommen. Der 14-Jährige aus Mae Sai, einer Kleinstadt an der Grenze zu Myanmar, war in England, in Japan, in Argentinien und in den USA. In Bangkok gab der König ihm zu Ehren eine Gala. Bald kommt ein Film („The Cave“) über sein Schicksal ins Kino. Net­flix dreht eine Serie, Disney einen Dokumentarfilm. Und es wurde ihm zu Ehren sogar ein Denkmal gebaut.

Die Berühmtheit rührt daher, dass Dom U16-Kapitän der „Moo Pah“ war, der „Wildschweine“, des Fußballvereins von Mae Sai. Am 23. Juni 2018 stieg er mit elf anderen Buben – alle zwischen elf und 16 Jahre alt – und dem Betreuer (25) nach dem Training aufs Rad. Sie fuhren zu einer Höhle und kletterten hinein. Weil der Monsunregen alles überschwemmte, kamen sie nicht mehr heraus.

Das war der Beginn von 17 Tagen Drama. Durch eine beispiellose internationale Hilfsaktion wurden sie gerettet. Es war damals schon die nahezu perfekte Heldengeschichte. Heute wird sie so groß wie möglich vermarktet. Es geht dabei nicht nur ums Geld – auch ums Image. Kein Wunder: So gute Nachrichten gab es in Thailand, wo seit einem Putsch 2014 das Militär regiert, lange nicht mehr.

Im Mittelpunkt stehen natürlich die Kinder. Die ersten Wochen nach der Rettung aus der Tham-Luang-Höhle waren die Moo Pah noch zusammen. Anfangs in Quarantäne im Krankenhaus, dann für zwei Wochen im Tempel, wo sie sich nach buddhistischem Ritus die Köpfe rasieren ließen. Und schließlich zusammen auf Tour: bei der FIFA, bei Manchester United, zu Talkshows in den USA.

Im größten Tempel ihrer Heimatstadt gibt es ihnen zu Ehren jetzt ein Museum. Dort sind ihre Fußballschuhe ausgestellt, die Rucksäcke, mit denen sie unterwegs waren, und auch eines der Räder. Am Ausgang stehen dann alle fast lebensgroß in Stein. Dom, der Kapitän, ist gleich der Erste, ganz außen rechts.

Seine Mutter, Noi Promthep, weiß nicht so recht, was sie von der Verehrung halten soll. „Ich bin sehr stolz“, sagt die 42-Jährige, die auf dem Markt einen Wäschestand betreibt. „Ihm geht es gut. Aber er kommt nicht mehr so oft nach Hause.“ Dom geht in Chiang Mai aufs Internat, 250 Kilometer weiter. An der Schule von Mae Sai sind von den „Wildschweinen“ nur noch fünf. Der Sportplatz in der Nähe, wo sie gekickt haben, ist an diesem Abend leer.

Schuldirektor Kanet Pongsuwan sagt: „Einige sind jetzt in dem Alter, wo sie rebellischer werden. Sie gehen häufiger aus und spielen nicht mehr so viel Fußball.“ Die Buben würden aber behandelt wie alle anderen Schüler auch. Doch natürlich gibt es Neid. Zwei von ihnen haben auf Instagram jeweils fast 150.000 Follower. Man würde die „Wildschweine“ zu alledem auch gern selber befragen. Doch das ist unmöglich. Alle Bitten um ein Treffen werden abgeblockt.

Die Fußballer und ihre Eltern haben Exklusiv-Verträge geschlossen. Wer sie interviewen darf, wird in Bangkok entschieden. Es ist wohl auch eine Frage des Geldes. Allein für die Netflix-Serie soll jede Familie nach einem Bericht der Lokalzeitung drei Millionen Baht (etwa 86.000 Euro) bekommen. Bisher jedoch, so heißt es unter der Hand, haben sie davon noch nichts gesehen.

Die Höhle selbst ist zu einem Wallfahrtsort geworden. Vor einer Weile waren an einem Wochenende mehr als 10.000 Leute da – obwohl es nicht viel zu sehen gibt. Das schwarze Loch, über das man früher hineinkam, ist abgesperrt. Am Zaun hängt ein Foto der zwölf Buben und des Trainers sowie ein Schild „Sperrgebiet“.

In der Nähe soll ein Museum eröffnen. Davor steht schon ein Denkmal für den Mann, der für die Thais der größte Held ist: der ehemalige Marinetaucher Saman Kunan, einziges Todesopfer des Dramas. Dem 37-Jährigen ging in der Höhle der Sauerstoff aus. Am Monument wuseln bronzene Wildschweine um seine Füße: ein großes und zwölf kleine. Davor legen Touristen Blumen nieder. Eine, Siri Meeratsamee, sagt: „Ich bin so stolz auf ihn. Und auf mein Land. Keiner hat geglaubt, dass wir es schaffen. Aber wir haben es geschafft.“

Dann kauft sich die Frau an einem der vielen Stände noch ein T-Shirt mit dem Porträt des Tauchers und ein Lotterie-Los. Man kann sterben in der Höhle. Man kann dort auch sehr viel Glück haben. (APA, dpa)

 Die Geschichte von der „Großen Höhlen-Rettung“ gibt es auch als Buch.
Die Geschichte von der „Großen Höhlen-Rettung“ gibt es auch als Buch.
- AFP