Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 30.06.2019


TT-Interview

Jan Josef Liefers: „Mit jedem Kind wurde ich ängstlicher“

Schauspieler, Musiker und Synchronsprecher: Tausendsassa Jan Josef Liefers (54) nimmt jede Herausforderung an, auch als vierfacher Vater.

Im Film und im Privaten auf den Hund gekommen: Schauspieler Jan Josef Liefers leiht dem nervösen Terrier Max in „Pets 2“ wieder seine Stimme.

© www.imago-images.deIm Film und im Privaten auf den Hund gekommen: Schauspieler Jan Josef Liefers leiht dem nervösen Terrier Max in „Pets 2“ wieder seine Stimme.



Von Ludwig Heinrich

Berlin — Es muss nicht immer Disney sein. Auch die Firma Illumination Entertainment, in Santa Monica zu Hause, zeigt auf dem Sektor der Animationsfilme mächtig auf. Zum Beispiel mit den „Ich — Einfach unverbesserlich"-Produktionen, mit den drolligen Minions oder 2016 mit „Pets". Der damalige Sommerhit brachte nicht weniger als 875 Millionen Dollar (nicht ganz 770 Millionen Euro) in die Kassen. Jetzt ist die Fortsetzung da. Auch in „Pets 2" spricht Jan Josef Liefers den Terrier Max. Ein Interview im Ritz-Carlton am Potsdamer Platz in Berlin.

Im ersten Film wurde gezeigt, welches Eigenleben die lieben Haustiere entwickeln, wenn die Familie aus dem Haus ist. Turbulent genug. Noch turbulenter wird es diesmal, als es mit der Familie auf Landurlaub geht. Denn auf den gewissenhaften Hund Max kommen neue Aufgaben zu, vor allem, weil auf einmal ein kleines Menschenbaby behütet werden muss.

Sie, Herr Liefers, sind ja einer der meistbeschäftigten deutschen Schauspieler und Sie touren auch als Musiker. Musste man Sie sehr überreden, dem guten Max wieder Ihre Stimme zu leihen?

Jan Josef Liefers: Nein, denn das machte mir großen Spaß. Wenngleich es auch sehr anstrengend war. Wenn ich abends das Tonstudio verließ und nach Hause ging, war ich wie gerädert.

Wovon kommt das?

Liefers: Die Animations-Tiere in „Pets" sind sehr energetisch. Sie geben Vollgas, und du musst mit dieser Energie mitgehen, sonst erschlägt dich das Bild. Im Animationsfilm können die Tiere ja alles. Ihren Kopf sechsmal um den Hals drehen, den Kopf dann wieder zurückschnipsen, daraufhin machen sie ein gekonntes „Willich", und im nächsten Augenblick kommt eine zwei Meter fünfzig große Zunge aus ihrem Hals heraus. Und all das gilt es, mit der Stimme zu bewältigen. Dabei gibt es Synchronsprecher, die können das unfassbar besser als ich. Hin und wieder habe ich den Regisseur gefragt: „Geht das nicht einfacher?" Da hat er mich angeschaut und geantwortet: „Schon. Aber dann kommt Scheiße raus." Diese Synchronregisseure haben das im Blut, die wissen genau, was man macht, damit alles selbstverständlich wirkt.

Wenn man für ein solches Synchron-Abenteuer angefragt wird, wie läuft das für einen Schauspieler aus der Einser-Kategorie?

Liefers: Du kannst der größte deutsche Film-Zampano sein, trotzdem musst du ein Casting machen. Das heißt: Deine Stimmprobe geht in die USA, die Studio-Spezialisten hören sich das an und wissen sofort, ob einer das „spielen" kann oder nicht. Wobei es nicht unbedingt um die Ähnlichkeit der Stimmen geht. Den Alex in „Madagascar" eins, zwei und drei etwa hat im Original Ben Stiller gesprochen, in der deutschen Version ich. Und wir haben ziemlich unterschiedliche Stimmen.

Hypothetisch: Wenn Sie ein Hund wären, gibt es jemanden, den Sie gerne beißen würden?

Liefers: Ja, manchmal mich selbst in den Arsch. Wenn ich mich über mich ärgere. Ansonsten gibt es sicher welche, die ich gerne — nein, nicht beißen, sondern eher zwicken oder nach ihnen schnappen würde, damit sie wach werden. Ich würde sie auch gerne wach bellen.

Dabei spielt gewiss Ihr politisches Engagement eine Rolle. Zum Beispiel waren Sie kurz vor dem Mauerfall Redner der Alexanderplatz-Demonstration, der größten Demonstration der DDR-Geschichte. Oder 2013, da haben Sie sich anlässlich der Spionage- und Überwachungsaffäre dafür ausgesprochen, dass dem amerikanischen Whistleblower Edward Snowden Asyl gewährt wird. Mit den Worten, dass es ihm Deutschland nicht aus selbst gewonnener Überzeugung, sondern aus Loyalität den USA gegenüber verweigert. Die Diskussion, wo auf der Skala zwischen „Held" und „Verräter" er seinen Platz hat, sei für Sie ein Extra-Thema. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel haben Sie in diesem Zusammenhang angesprochen?

Liefers: Immerhin hat sie Assange die Erkenntnis zu verdanken, dass auch sie persönlich abgehört wurde ...

Und wie sehen Sie den Fall Assange?

Liefers: Ähnlich. Grundsätzlich finde ich, dass man den Regierungen genau auf die Finger schauen soll. Und wenn eine Regierung jemanden beschuldigt, soll sie offenlegen, welche „Schweinereien" ihrer Meinung nach begangen wurden.

Zurück zu „Pets 2" und dem Terrier Max. Sie haben ja auch privat Hunde-Erfahrung. Mit Toni und Abby, beide Mischlinge?

Liefers: Toni wurde von jemandem ausgesetzt, wir haben ihn in einem kleinen Schuhkarton gefunden. Er dürfte das Ergebnis einer Love Story zwischen einem Husky und einem Dackel sein, Abby ist ein Mix aus Chihuahua und Jack Russell. Zu ihnen kommt auch noch eine Katze.

Im Film ahnen die Erwachsenen nichts vom Eigenleben der Haustiere, wenn die allein sind. Wissen Sie, was Ihre Tiere machen, wenn die Familie auswärts ist?

Liefers: Vielleicht schauen Sie sich im Fernsehen „Pets" oder „Cats" an. Aber ich habe festgestellt, dass die Hunde auf Hunde im Fernsehen überhaupt nicht reagieren. So wie Katzen auf ihre Spiegelbilder nicht reagieren.

Welche Beobachtungen haben Sie bei Ihren Hunden noch gemacht?

Liefers: Dass die Welt für sie in Ordnung ist, wenn wir alle da sind. Da gibt es keinen Stress. Große Augen kriegen sie, wenn einer geht. Hingegen sind sie völlig aus dem Häuschen, wenn man zurückkommt. Ein Hund ist 24 Stunden glücklich, wenn er dich sieht. 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche. Das kriegt man von keiner Ehefrau und keinem Kind. Spaß, bitte ...

In „Pets" erleben wir die Freuden der Tiere. Und ihre Ängste. Welche Ängste haben Sie?

Liefers: Ich war immer ein völlig angstfreier Mensch. Das änderte sich, als ich Vater wurde.

Sie sind mittlerweile vierfacher Vater ...

Liefers: Und mit jedem Kind wurde ich ängstlicher. Wie ein Schachgroßmeister messe ich den Radius nach allen Seiten aus und stelle mir vor, was passieren könnte. Weil ich an all das kreuzgefährliche, hirnlose Zeug denke, das ich selbst angestellt habe. Wenn ich daran denke, meine Kinder würden das machen, ich würde ausrasten.

Beispiel bitte?

Liefers: Nun, bei meinen Großeltern am Land krochen Freunde und ich in eine Höhle auf Lehmboden. Wenn die eingebrochen wäre, wären wir alle in zehn Metern Tiefe verschüttet gewesen.

Die Aussage von „Pets" hat aber mit Ängsten nichts zu tun?

Liefers: Richtig. Die Aussage des Films ist, dass man vor nichts Angst haben darf, sondern alles als Herausforderung annehmen soll.

Sie sind nicht nur politisch engagiert, sondern legen auch sehr viel Wert auf richtige Ernährung. Sind Sie Vegetarier?

Liefers: Annähernd, aber ich esse Fleisch, wenn ich genau weiß, von wo die Bauern das herhaben. Schweinefleisch esse ich — seit ich einmal mit einem Schwein gedreht habe — sicherlich nicht. Zumal ich Schweine für bewundernswerte Tier halte. Ich verzichte auch auf Oktopus, weil ich mich da frage, wie lang es gedauert hat, bis der Oktopus tot war. Und wenn die Franzosen Froschschenkel anbieten, frage ich mich unwillkürlich: Was machen sie mit dem Rest der Frösche? Nein, danke.