Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 10.07.2019


Kino

„Yesterday“: Beatle-Mania ohne Beatles und mit Ed Sheeran

In „Yesterday“ gibt es keine Beatles, nur ihre Songs. Diese Prämisse ist reizvoll, Ed Sheerans selbstironischer Gastauftritt witzig. Trotzdem verschenkt der Film sein Potenzial.

Ohne John, Paul, George und Ringo: Jack Malik (Himesh Patel) gibt die Songsammlung der vielleicht besten Band aller Zeiten als seine eigene aus.

© UniversalOhne John, Paul, George und Ringo: Jack Malik (Himesh Patel) gibt die Songsammlung der vielleicht besten Band aller Zeiten als seine eigene aus.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Stromausfälle müssen oft als zeitgemäße göttliche Fügung und Wunder herhalten. Für Jack Malik gehen die Lichter zunächst sehr schmerzhaft aus. Ein Bus erwischt den jungen Engländer samt seiner Gitarre auf dem Fahrrad, während es überall auf der Welt für 12 Sekunden dunkel wird. Der tatsächlich magische Moment wird ihm erst klar, als seinen Freunden beim Einweihen der Ersatzgitarre mit „Yesterday“ der Mund offen stehen bleibt und die Tränen in die Augen schießen. Wann er denn diesen Song geschrieben habe, wollen sie vom bis dahin erfolglosen Singer-Songwriter-Lagerarbeiter wissen. Die Reaktion – „Beatles, wer?“ – lässt ihn an einen bösen Scherz glauben. Jedenfalls, bis Google nur Insekten ausspuckt. Da zögert Jack nicht lange – und gibt die größte Song-Sammlung der Popgeschichte als seine aus. Wenn er sich doch nur an die Lyrics von „Eleanor Rigby“ erinnern könnte.

Diese Spielchen mit der genialen Prämisse sind der amüsanteste Teil von „Yesterday“. Der Humor also stimmt in Richard Curtis’ Drehbuch, der für diesen Beatles-Film ohne Beatles eine Idee weiterdachte, die bereits in den BBC-Serien „Dr. Who“ und „Goodnight Sweetheart“ erprobt wurde.

Doch schon bald klopft ein anderes Genre und der verhängnisvolle Star-Status an die Tür von Jacks Elternhaus in Suffolk, weit weg von der Penny Lane in Liverpool. Und zwar in Form von „Salieri“ Ed Sheeran (der berühmte Rotschopf als er selbst). Beeindruckt von „seinen“ ersten „Mozart-haften“ Beatles-Songs, darf Jack als dessen Vorband in Moskau mit „Back in the U.S.S.R.“ das Publikum begeistern. Dass ein Zuhörer den Song nicht zum ersten Mal hört, lässt der Film ebenso links liegen wie die spannenden Fragezeichen, die sich aus der alternativen Musik-Realität ergeben. Seltsam, dass mit den Beatles nicht auch ihr Einfluss auf die Musikgeschichte verschwunden ist. Hier wäre viel Platz für pfiffige Drehbuch-Fantasie gewesen. Wo in der Popmusik ist der Komponist? Wo der Performer? Wie zündet eine Beatle-Mania im hyperkapitalistischen Musikbusiness des Instagram Zeitalters?

All das steht nicht im Fokus der Geschichte. Auch die inneren Konflikte des singenden Hochstaplers darf der grandiose Hauptdarsteller Himesh Patel mit niemandem erforschen.

„Notting Hill“-Autor Curtis macht den Musikfilm – nach dem Motto „All You Need Is Love“ – zu einer klassischen Romantic Comedy mit Jacks ahnungsloser Kindheitsfreundin und Managerin Ellie Appleton (Lily James). Regisseur Danny Boyle ist zwar mit Spaß flott bei der Sache und inszeniert ein wirkungsvolles Konzert-Finale im Wembley-Stadion. Eine Aufsteiger-Geschichte à la „Slumdog Millionaire“ oder einen echten Musikfilm mit Twist kann aber auch er aus „Yesterday“ nicht herausholen: It’s a Hard Day’s Night, Ob-La-Di, Ob-La-Da.