Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 12.07.2019


Film und TV

“Apollo 11“ im Kino: Angst und Schrecken

Todd Douglas Miller montierte für seinen Film „Apollo 11“ Aufnahmen der ersten Mondmission. Die spektakulären Bilder beunruhigen und faszinieren wie vor 50 Jahren.

Neil Armstrong, der erste Mann auf dem Mond, fotografierte am 20. Juli 1969 den zweiten Mann Edwin „Buzz“ Aldrin.

© EinhornNeil Armstrong, der erste Mann auf dem Mond, fotografierte am 20. Juli 1969 den zweiten Mann Edwin „Buzz“ Aldrin.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Die Ungeheuerlichkeit des Unternehmens wird bereits in den ersten Bildern deutlich. Nachdem die drei Astronauten Neil Armstrong, Edwin „Buzz“ Aldrin und Michael Collins in ihren 80 Kilogramm schweren Anzügen verschraubt waren und am Morgen des 16. Juli 1969 im Aufzug zu ihrer Kommandokapsel an der Spitze der 111 Meter hohen Trägerrakete Saturn V fuhren, wurde ein Leck in einem Ventil entdeckt.

Bis zum Start blieben noch drei Stunden, doch in den Tanks brodelten Wasserstoff, Sauerstoff und Kerosin. Eine unkontrollierte Zündung dieser Mischung hätte Folgen, als würden 1000 Flugzeuge jeweils 500 Kilogramm Bomben abwerfen, weshalb die Tribünen für Politiker, Staatsgäste und Journalisten fünf Kilometer entfernt lagen. Deshalb beschrieb der Romancier und Reporter Norman Mailer, der über die Mondmission für das Life-Magazine eine Artikelserie und das Buch „Auf dem Mond ein Feuer“ verfasste, die Astronauten als „Todgeweihte auf dem Weg zu ihrer Hinrichtung“.

Dem Regisseur Todd Doug­las Miller gelingt in seinem Dokumentarfilm „Apollo 11“ mit der Montage des damals gedrehten Filmmaterials, diese Beklemmung herzustellen, als sei der Ausgang des todesmutigen Unternehmens ungewiss. Dieses Gefühl wird von der Musik Matt Mortons gesteigert, der mit einem Moog-Synthesizer produzierte Soundtrack zitiert Angst- und Horrorvisionen aus Filmen wie John Carpenters „Halloween“. Das Grauen, das Bedrohliche ist ständig gegenwärtig.

Anfang der 1960er-Jahre war der Weltraum ein Schauplatz des Kalten Kriegs. Die US-amerikanischen Eroberungsversuche endeten trotz der Anleihen bei der antiken Götterwelt mit Raketennamen wie Thor, Jupiter oder Juno als Fiasko. 1959 hatte ein sowjetischer Satellit erstmals den Mond umkreist und Bilder von den Kratern geliefert.

Diese Geschichte aus Demütigungen wollte John F. Kennedy am 25. Mai 1961 mit seiner Rede an die Nation beenden, indem er die Mondmission zur nationalen Aufgabe erklärte. Es musste ein Amerikaner sein, der als Erster den Mond betreten sollte.

Präsident Kennedy fand die richtige Metapher, um Politiker, Wissenschafter und Bürger zu begeistern: „Dies ist ein neuer Ozean und ich bin der Überzeugung, dass die Vereinigten Staaten ihn befahren müssen.“ In diesem Bild ließen sich auch Stolz und Pioniergeist von Kolumbus bis zu den Pilgervätern verpacken, obwohl in diesem Seebild manches Grauen verborgen war. Außerdem gelten die Regeln der Seefahrt auch im Weltraum. Entfernungen werden, so ist es in „Apollo 11“ zu sehen, in nautischen Meilen gerechnet. Von Cape Kennedy aus gesehen war das Raumschiff Columbia im Augenblick des Starts 350.916 Kilometer vom Ziel entfernt.

Dutzende 16-, 35- und 65-Millimeter-Kameras dokumentierten im Auftrag der NASA das Ereignis, für dessen Einordnung kein Superlativ zu groß war. In Erinnerung blieb Armstrongs Bemerkung „Ein kleiner Schritt für den Menschen, ein großer für die Menschheit“, als er von der Mondfähre stieg. Auch die Erklärung für die Komik des Moonwalks am 20. Juli 1969 ist in „Apollo 11“ zu sehen. Die Panorama-Kamera lieferte nur ein Bild pro Sekunde und diese Slapstick-Wirkung.

Warum die spektakulären Bilder erst 50 Jahre später im Kino zu sehen sind, ist nur zu erahnen. 1970 war angesichts des Grauens in Vietnam die Ära der patriotischen Gesten vorbei und ein anderer Dokumentarfilm machte Furore. Das Woodstock-Festival war das Gegenprogramm.