Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 14.07.2019


Kino

Der Wahnsinn in seiner (vorerst) finalen Form

Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ kommt in runderneuerter Fassung zurück in die Kinos.

Die Liebe zu Napalm im Morgengrauen: Robert Duvall (Mitte) in „Apocalypse Now“.

© presse@studiocanal.deDie Liebe zu Napalm im Morgengrauen: Robert Duvall (Mitte) in „Apocalypse Now“.



Innsbruck – Er kann es nicht lassen. Immer wieder nimmt sich Francis Ford Coppola des Films an, der ihn beinahe um den Verstand, um verdammt viel Geld und für mehrere Jahre um seine Unabhängigkeit am Rand der amerikanischen Filmfabriken brachte: „Apocalypse Now“. 1979 kam Coppolas irrwitzige Meditation über den Horror des Krieges, diese flirrende Fieberfantasie über militärischen Wahnsinn in Indochina in die Kinos. 2001 taktete er den Film zu „Apocalpse Now – Redux“ um – und fügte zwei ursprünglich geschnittene, gespenstisch schöne Episoden ein.

Nun, zum vierzigsten Jubiläum der Erstveröffentlichung, hat sich Coppola den Film ein weiteres Mal vorgenommen – und auf knapp drei Stunden eingekürzt: Am Montag kommt „Apocalypse Now – Final Cut“ in die Kinos. Das Originalmaterial wurde dafür gereinigt, neu abgetastet und digital aufgehübscht, der Ton – „The End“ von den Doors, Wagners „Walkürenritt“, das Knallen und Wimmern, Marlon Brandos unheilvolles Säuseln – hochgewuchtet für raumgreifendes Dolby Atmos. So wie „Apocalypse Now“ nun daherkommt, als quasi immersives Schreckensgemälde, mag sich Coppola den Film vorgestellt haben, als er sich gemeinsam mit John Milius Mitte der 1970er-Jahre aufmachte, Joseph Conrads spätkolonialistische Albtraumnovelle „Das Herz der Finsternis“ in den Vietnamkrieg zu verlegen. Als Regisseur und unabhängiger Produzent war er damals der König von Hollywood: 1975 war er für gleich zwei Filme, „Der Pate II“ und „Der Dialog“, für insgesamt fünf Oscars nominiert und gewann drei. Und weil George Lucas galaktische Kriege denen der jüngeren Vergangenheit vorzog, übernahm Coppola die Inszenierung selbst. Doch der Dreh auf den Philippinen geriet zum Desaster. „Wir hatten zu viel Equipment, zu viel Geld, nach und nach wurden wir alle verrückt“, sagt der Regisseur selbst. Was das heißt, kann man in Eleanor Coppolas großartigem Dokumentarfilm „Hearts of Darkness“ nachvollziehen: weggeschwemmte Sets, ein zunächst alkohol-, dann herzkranker Martin Sheen in der Hauptrolle – und Marlon Brando als kahlrasierte Diktatoren-Diva im Selbstzerstörungsmodus. „Apocalypse Now“ ist ein aus diesem Wahn geborener Film über den Wahnsinn: durchgeknallt und knallhart, eine psychedelische Symphonie. In seiner neuen, (vorerst) finalen Form mehr denn je. (jole)