Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 16.07.2019


Film und TV

Luc Bessons “Anna“: Action-Oper mit dunkler Kehrseite

Auch in seinem neuen Film „Anna“ macht Luc Besson eine wehrhafte Heldin zur Projektionsfläche männlicher Fantasien.

Auftragskillerin wider Willen: Anna (Sasha Luss) und ihre Freundin Maud (Lera Above).

© Auftragskillerin wider Willen: Anna (Sasha Luss) und ihre Freundin Maud (Lera Above).



Von Marian Wilhelm

Innsbruck — Eine Matrjoschka ist eine Puppe in einer Puppe in einer Puppe. Diesen Schlüssel liefert „Anna" in einem Dialog gleich selbst. Die Geschichte der KGB-Agentin ist eine konsequent verschachtelte Action-Oper aus der Feder von Luc Besson.

Die Titelheldin wird in einer ausweglosen Situation als Freundin eines gewalttätigen Kleinkriminellen vor die Wahl gestellt, zum KGB zu kommen oder zu sterben. Dass sich Anna Poliatova zuerst für den Tod entscheidet, sagt viel über ihre Begeisterung für das Jobangebot aus. Ihre übertrieben harte sowjetische Führungsoffizierin Olga (Helen Mirren) arbeitet nach dem Motto „Sind sie zu stark, bist du zu schwach".

Hauptdarstellerin Sasha Luss kommt frisch aus der Modelbranche und wird im Film daher auch undercover als Model nach Paris geschickt. Zuvor hat sie ihre Elite-Ausbildung noch mit einem komplikationsreichen Tötungsauftrag in einem Moskauer Restaurant abzuschließen.

Die Szene ist eine erste Action-Ansage von Luc Besson. Er inszeniert den Kampf in bester „John Wick"-Manier, darf dabei aber für sich in Anspruch nehmen, dass er solcherart Action-Ballett mit seinem „Cinéma du look" in den 80er- und 90er-Jahren quasi miterfunden hat. Kritiker in seinem Heimatland warfen ihm dafür die „Américanisation" des französischen Kunstkinos vor.

Ein Merkmal zieht sich spätestens seit „Nikita" (1990) durch Bessons einflussreiche Filmografie: starke Frauenfiguren, die „ihren Mann stehen". Ob nun Anne Parillaud als Nikita, die in vielerlei Hinsicht wie die ungleich stilbewusstere Blaupause für Anna wirkt, Natalie Portman in „Léon, der Profi" (1994) oder Milla Jovovich in „Das fünfte Element" (1997) und „Johanna von Orleans" (1999). Zuletzt schickte er Scarlett Johansson in „Lucy" (2014) als Superfrau in den Kampf.

Auch in „Anna" behauptet sich die unfreiwillige Elite-Agentin zwischen Paris und Moskau, zwischen Kampf-Action und Pokerface-Täuschung im Intrigen-Spiel von CIA und KGB — und öffnet dabei den Blick auf das, was bei Besson schon immer unter der schönen Oberfläche sein Unwesen trieb: Seine wehrhaften Protagonistinnen sind immer auch hypersexualisierte Projektionsflächen für männliche Fantasien.

Die bisweilen enge Verzahnung von Filmfantasie und Wirklichkeit sorgt allerdings dafür, dass sich „Anna" nicht ohne Hintergedanken als Spionage-Spektakel genießen lässt: 2018, am Höhepunkt der #MeToo-Bewegung, musste sich Besson vor der Polizei verantworten. Die Schauspielerin Sand Van Roy warf dem Regisseur vor, sie vergewaltigt zu haben. Sie gab an, nach einem Treffen mit Besson — es soll um eine Nebenrolle in „Anna" gegangen sein — verletzt auf dem Boden ihres Hotelbadezimmers aufgewacht zu sein.

Die Untersuchungen in diesem Fall wurden eingestellt. Mittlerweile haben aber fünf weitere Frauen gegen den einflussreichen französischen Film-Tycoon ausgesagt. Auch sie werfen Besson sexuelle Übergriffe vor.




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