Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 22.07.2019


Kino

“Vox Lux“: Kühle Gewalt und eiskalter Glitzer mit Natalie Portman

Regisseur Brady Corbet und sein Star Natalie Portman machen „Vox Lux“ zur hochstilisierten Untersuchung eines Traumas und dessen medialer Ausschlachtung.

Celeste (Natalie Portman) überlebt ein School-Shooting – und wird danach zum Popstar.

© KinostarCeleste (Natalie Portman) überlebt ein School-Shooting – und wird danach zum Popstar.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Vox Lux“ dreht sich ganz und gar um seine Hauptfigur Celeste. Weit mehr als ein gewöhnliches Charakterdrama, klebt die Kamera doch förmlich an der schillernden fiktiven Sängerin. Als einzige Überlebende eines Amoklaufs an einer US-Schule wird sie mit ihrem Lied beim Gedenkgottesdienst zur perfekten Medienfigur.

„Vox Lux“ widmet sich im ersten Teil namens „Genesi­s“ dieser Medialisierung des Traumas. In einer zweiten Zeitebene, mit „Regenesis“ betitelt, erzählt Regisseur Brady Corbet dann die kommerzialisierte Konsequenz dieses Ereignisses aus unmittelbarer Nähe der mittlerweile zum Superstar gewordenen Celeste. Der formalisierte Film fokussiert dann mit seiner 35-mm-Kamera in wenigen langen intensiven Szenen stark auf die kurze Zeit vor einem Konzert mit der schwierigen Beziehung zu ihrem Umfeld und ihrer Teenager-Tochter. Außerdem wird Celeste damit konfrontiert, dass ausgerechnet ihr Pop-Outfit von Terroristen für ein Attentat appropriiert wurde – die Gewalt holt sie wieder ein.

Regisseur Corbet interessiert sich für diese Gewalt, die er schon in seinem viel diskutierten Regie-Debüt „The Childhood of a Leader“, frei nach einer Sartre-Kurzgeschichte über einen zukünftigen Faschisten-Führer, erforschte. „Vox Lux“ nähert sich der Faszination für das Böse nun in der Gegenwart über die popkulturelle Sensationslust an Gewalt. Damit funktioniert der Film als offene Chiffre auf die erregte Beziehung der amerikanischen und amerikanisierten Gesellschaft mit Amok und Terror.

Ein enger Fokus auf die Hauptfigur wie in „Vox Lux“ funktioniert freilich nur mit der passenden Darstellenden: Natalie Portman wählt seit ihrem Debüt in „Léon – Der Profi“ immer wieder offensiv markante Rollen und eigenwillige Kollaborateure aus.

Zuletzt durfte sie sich für ihre Verkörperung von Jackie Kennedy Chancen auf einen zweiten Oscar nach Darren Aronofskys „Black Swan“ ausrechnen. Als psychisch kaputte Celeste lebt sie die Egozentrik des prominenten Popstars auf faszinierend intensive Weise aus, fast ohne Rücksicht auf Sympathien für ihre Figur. Jude Law als Manager und Stacy Martin als Schwester geben die Ankerpunkte für diesen maßlosen Menschen. Und kein Geringerer als Wille­m Dafoe als Voice-Over-Stimme und der im März dieses Jahres verstorbene Scott Walker mit einem atmosphärischen Soundtrack schaffen kalte Distanz zur glitzernden Popwelt. Darüber, wie ergiebig die thematischen Zwischentöne sind, lässt sich streiten. Faszinierend ist diese stilisierte Nahaufnahme allemal.