Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 24.07.2019


Kino

Deutsches Großstadt-Märchen: Cleos fabelhaftes Berlin

Das Debüt „Cleo“ von Regisseur und Autor Erik Schmitt hat ein großes französisches Vorbild und viel ehrliche Fantasie.

Auf Schatzsuche zusammen mit dem feschen Paul (Jeremy Mockridge), der Hauptfigur Cleo mit einem Schuss Romantik zur Abenteuer-Reise durch Berlin verführt.

© PolyfilmAuf Schatzsuche zusammen mit dem feschen Paul (Jeremy Mockridge), der Hauptfigur Cleo mit einem Schuss Romantik zur Abenteuer-Reise durch Berlin verführt.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Mut zum Märchen gibt es im Kino nur noch selten. „Cleo“ feiert sich selbst als Berliner Großstadt-Märchen, ohne ironische Distanz und Scheu vor Kitsch und Kinoeffekten. Dabei muss Titelheldin Cleo vom schicksalhaften Erzähler erst mal in ihr eigenes Abenteuer getrieben werden. Die junge Frau mit den roten Locken ist nämlich eine schüchterne, verschlossene Neurotikerin, die lieber hinter dem Schreibtisch Stadtführungen plant, als selbst Menschen durch Berlin zu führen.

Dabei ist Hauptdarstellerin Marleen Lohse natürlich auch das liebenswürdig-verschrobene Herz des Films. Wie Cleo zu Cleo wurde, erzählt der Erzähler aus dem Off mit einer schnellen Vorstellungssequenz: In der Nacht der Maueröffnung geboren, steht Cleo für das neue, moderne Berlin, das seine Traumata hinter sich lassen will. Cleos Trauma ist der Verlust ihrer Eltern; die Mutter starb bei der Geburt, der Vater durch eine alte Fliegerbombe. Ein Stück deutsche Geschichte ist Cleo und ihrem Berlin eingeschrieben.

Kein Wunder, dass die erwachsene Cleo immer noch davon träumt, die Zeit zurückzudrehen in die 90er, in die unbeschwerte Kindheit. Dazu braucht sie allerdings – und jetzt wird es wirklich märchenhaft – die magische Uhr aus dem Schatz der Brüder Sass, ein echtes, historisches Safeknacker-Duo aus der Weimarer Republik, das später im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet wurde. Die beiden Brüder sind nicht die einzigen historischen Figuren, die Regisseur und Drehbuchautor Erik Schmitt im Film als weiß-schimmernde Geister der Vergangenheit und direkte Gesprächspartner von Cleo auftauchen lässt. Im Gegensatz zu Marlene Dietrich und Albert Einstein fordern sie aber lautstark ihre in Vergessenheit geratene Berühmtheit ein.

Zur Schatzsuche fehlt der schüchternen Abenteurerin zunächst freilich ein Gefährte. Märchenerzähler Erik Schmitt schickt Cleo also den feschen Paul (Jeremy Mockridge), der als aufgedrehter Hausbootbesitzer Cleo mit Romantik aus ihrem Schneckenhaus lockt. Praktischerweise bringt Paul auch eine Schatzkarte mit und kennt zwei verrückte Einbrecher der Gegenwart. Alles, was es für eine Schnitzeljagd durch Berlin braucht, die dabei weniger die Sightseeing-Stationen abklappert, sondern urbane Legenden zum Leben erweckt.

In seinem Debütfilm greift Erik Schmitt tief in die Trickkiste, um die in warme Farben getauchte Abenteuergeschichte der Titelheldin aufzulockern. Verschwenderisch fantasievolle Stop-Motion-Animationen und gezeichnete Elemente verdichten den flotten Abenteuer-Stadtrundgang.

Schon nach wenigen Minuten ist dabei auch klar, woran sich diese Lockerheit stilistisch orientiert. Cleo ist quasi die Berliner Cousine der Pariserin namens Amélie Poulain. Wenn der Film sich als „Antwort auf ,Die fabelhafte Welt der Amélie‘“ vermarktet, muss er sich freilich auch an der Frage messen lassen. Erik Schmitt bringt eigene Ideen mit, zielt in seiner fabelhaften Berliner Welt aber unterm Strich mehr auf einen liebevollen Kinderfilm ab, als sein Lehrmeister Jean-Pierre Jeunet es beim Pariser Pendant tat.

Als Eröffnungsfilm der Berlinale-Kinder-Sektion bewies „Cleo“ aber durchaus auch Witz für Erwachsene. Ein paar Klischees weniger hätten auch gereicht, um zu sein, was der Film am Ende sein will: ein ehrliches ­Märchen.